SCHNEEMANN

Lichtspielhaus – Die große Leinwand

Leise rieselt der Schnee…

Der Norweger Jo Nesbø ist einer der erfolgreichsten europäischen Autoren für Kriminalromane. Auch wenn man noch keines seiner Bücher gelesen haben sollte, zumindest im heimischen Buchladen des Vertrauens dürfte sein Name den meisten schon einmal ins Auge gesprungen sein. Mit SCHNEEMANN wurde nun ein Buch (Snømannen) aus der Harry-Hole-Reihe verfilmt.

Harry Hole (Michael Fassbender) ist ein Säufer, geschieden, lebt allein und auch ansonsten ist er keine Frohnatur. Aber er ist ein ausgezeichneter Polizist. Als plötzlich Frauen verschwinden und wenig später tot aufgefunden werden, sehen sich Harry Hole und seine Kollegin Katrine Bratt (Rebecca Ferguson) mit einem Fall konfrontiert, der nicht nur weit in die Vergangenheit zurückreicht, sondern auch mit ihnen persönlich verbunden zu sein scheint. Das Markenzeichen des Täters – Ein Schneemann als Vorbote des Todes.

Buchverfilmungen haben es, ähnlich wie Fortsetzungen, beim Publikum schwer. Dies liegt zum einen an den teils unfair hohen Erwartungen, die ein gutes Buch mit sich bringt, aber auch an folgender Faustregel:

Eine Drehbuchseite entspricht etwa einer Filmminute.

Jetzt gibt es allerdings ein Problem; der Roman Snømannen hat etwa 500 Seiten. Somit würden etwa 500 Minuten Film dabei herauskommen. Das bringt zwangsläufig einige Kürzungen mit sich. Außerdem besteht eine gewisse Diskrepanz zwischen Drehbuch und Roman. Während ein Drehbuch direkt auf das Medium Film zugeschnitten wurde, so kann sich ein Roman anderer gestalterischer und erzählerischer Mittel bedienen und das ist wohl das größte Problem – ein Film kann niemals die Erwartungen der Phantasie erfüllen. Aus diesem Grund wäre es richtig und wichtig, beide Medien, Buch und Film, als zwei verschiedene Kunstformen und somit unabhängig voneinander zu betrachten.

Und rein formal macht Tomas Alfredson mit seinem Film SCHNEEMANN auch erst einmal nichts verkehrt. Die Liste der vertretenen SchauspielerInnen liest sich wunderbar und lässt auf einiges hoffen. Michael Fassbender als ermittelnder Polizist liefert wie gewohnt eine gute Performance und auch Rebecca Ferguson macht, als seine Kollegin, eine gute Figur. Selbst die Nebenrollen sind, u.a. mit J.K. Simmons, Val Kilmer oder Cloë Sevigny, gut besetzt. Leider wird ihnen eher wenig Screentime geboten.

Auch die Atmosphäre ist zunächst sehr stimmig. Die Winterlandschaft untermalt die eisige Stimmung und erzeugt ein gewisses Unbehagen. Die Morde sind grausam, die Spannung an den richtigen Momenten zerreißend und die vielen Nebenstränge bieten teilweise noch mehr menschliche Abgründe und sorgen dafür, dass das Geschehen nicht zu einem Abziehbild einer Tatort-Folge verkommt. Das funktioniert – zumindest für die ersten zwei Drittel des Films.

Der Beginn des Films fühlt sich an, wie der berühmte Wurf ins kalte Wasser. Der/Die ZuschauerIn befindet sich sogleich im Geschehen, die Figuren sind noch unbekannt und müssen nach und nach ergründet und Zusammenhänge selbst erschlossen werden. Und all das hat durchaus seinen Reiz und kann Spaß bereiten. Man stellt seine eigenen kleinen Ermittlungen an. Nur gegen Ende geht dem Ganzen etwas die Puste aus. Und hier sind wir beim wohl größten Problem des Films – er will einfach zu viel. Zu viel für 119 Minuten. Einige interessante Handlungsstränge werden nur angedeutet und zur Unzufriedenheit des Publikums nicht auserzählt. Viele interessante Figuren werden nur partiell eingebunden und dürfen dann jedoch nicht mehr sein, als eindimensional. Und hier kommt dann doch wieder das Buch zum Tragen bzw. die gesamte Reihe. Denn SCHNEEMANN ist eigentlich der siebte Teil aus der Harry-Hole-Reihe und dadurch könnte sich einiges erklären lassen. Warum gerade dieses und nicht das erste Buch verfilmt wurde, ist nicht ganz ersichtlich. Es hätte den Figuren gut getan, wenn sie eine Vorstellung bekommen hätten. Es hätte dem/der ZuschauerIn den Einstieg in das Universum erleichtern können und daraus hätten sich auch einige offene Fragen, die am Ende unangenehmerweise bleiben, eventuell gar nicht erst gestellt. Doch das sind alles nur Mutmaßungen und gerade für diejenigen, die die Bücher nicht gelesen haben, ist es ärgerlich, solche Mutmaßungen erst anstellen zu müssen. Hinzu kommt jedoch, dass der Fall vor der Aufklärung spannender ist, als danach.

Somit ist SCHNEEMANN ein Film, der über weite Strecken unterhält, gut gespielt und spannend ist und viele interessante Ansätze liefert. Leider schafft er es aber nicht, aus den guten Ansätzen mehr zu machen, als nur gute Ansätze, wodurch das Ende ganz schön in den Schnee gesetzt wurde. Dafür gibt es Punktabzug.

Gut, aber leider wurde Potenzial verschenkt.

 

Punkte: 10 von 15

OT: THE SNOWMAN

Start: Bereits im Kino

Land & Jahr: GB 2017

Regie: Tomas Alfredson

Darsteller: Michael Fassbender, Rebecca Ferguson, Jamie Clayton, J.K. Simmons, Charlotte Gainsbourg, Val Kilmer, James D’Arcy u.a.

Laufzeit: ca. 119 min.

FSK: 16

Geschnitten: Nein

Bildquelle: http://www.filmstarts.de/kritiken/198938/bilder/?cmediafile=21439146


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