DIE FILMBRANCHE UND EINE UMKEHRUNG DER MACHT

Meine Gedanken

Vom Blick hinter die Kulissen und auf die Leichen im Keller

Es gibt viele subjektive Gründe, weshalb einem Zuschauer oder einer Zuschauerin ein Film oder eine Serie nicht gefallen könnte. Es kann am Thema liegen, welches im Film oder in der Serie behandelt wird. Es kann am Genre liegen, in welchem sich der Film oder die Serie verorten lassen. Es kann am Stil liegen, welcher einem bestimmten Regisseur oder einer bestimmten Regisseurin eigen ist. Es kann aber auch am Schauspieler oder an der Schauspielerin und der dargebotenen Leistung liegen. All das ist ärgerlich, vor allen Dingen dann, wenn der Rest des Films oder der Serie durchaus stimmig erscheint. Aber punktuell lässt sich über solche Unzulänglichkeiten hinwegsehen, handelt es sich dabei doch um den persönlichen Geschmack. Schwierig wird es dann, wenn die SchauspielerInnen, RegisseurInnen und/oder ProduzentInnen ihren Job bis dato gut gemacht haben und es vielmehr an den persönlichen Abgründen jener liegt, welche einen Film oder eine Serie erst ungenießbar machen.

Um zu verdeutlichen, worauf ich mich beziehe, müssen nur ein paar Namen genannt werden – Namen, die seit den letzten Tagen und Wochen in den Medien (wieder) sehr präsent sind:

James Toback, Brett Ratner, Bryan Singer, Woody Allen, Roman Polanski, Kevin Spacey, Dustin Hoffman und zu guter letzt derjenige, welcher mehr oder minder der Stein des Anstoßes war – Harvey Weinstein.

Fast stündlich gibt es neue Meldungen. Fast stündlich kommen neue Geschichten ans Licht und die Zahl der vermeintlichen Opfer von sexuellen Übergriffen steigt. Alles begann mit einem Artikel, welcher in der New York Times veröffentlicht wurde. In diesem Artikel wurde beschrieben, dass Harvey Weinstein über die letzten Dekaden Frauen belästigt und sich an einigen von ihnen vergangen haben soll. Schockierend waren die Informationen über die Tathergänge, schockierender war die Tatsache, dass es ein offenes Geheimnis gewesen sein soll und dennoch niemand etwas gewusst haben will, und noch schockierender waren einige Reaktionen darauf. Einige bedauerten Harvey Weinstein sogar, darunter Jeff Bridges und Woody Allen. Natürlich wollen sie es nachher nicht so gemeint haben. Andere betrieben ‚Victim Blaming‘, wie zum Beispiel Donna Karan oder Mayim Bialik. Frauen müssten sich schließlich nicht so freizügig präsentieren, erst recht nicht, wenn sie hübsch sind. Wirklich selten, bisher sogar einzigartig, waren die Statements von Scott Rosenberg und Quentin Tarantino, die zugaben, mehr gewusst zu haben, als nur die üblichen Gerüchte. Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung – doch hätte dieser schon früher erfolgen müssen.

Seitdem scheint fast kein Tag zu vergehen, an dem nicht neue Vorwürfe gegen Schauspieler oder Regisseure erhoben werden – das an dieser Stelle kein Gendering stattfindet hat den Grund, dass die Beschuldigten ausschließlich Männer sind. James Toback soll über 300 Frauen belästigt haben, Dustin Hoffman habe sich einer ehemaligen Praktikantin gegenüber vor etwa 30 Jahren mehr als unangemessen verhalten und Kevin Spacey outete sich nach einem Belästigungsvorwurf (welchem bald mehrere folgten) als homosexuell; wie auch immer Homosexualität und Hebephilie zusammenhängen sollen. Inzwischen wurde bekannt, dass Spacey sogar am Set zur Serie House of Cards übergriffig geworden sein soll.

Die Vergangenheit holt uns alle ein

Dass sexuelle Belästigungen und Übergriffe keine neuen Erfindungen sind, zeigt sich bei einem Blick in die Vergangenheit:

Filme wie Der Zauberer von Oz oder Die Vögel sind heute weltberühmt und gelten als Klassiker. Dass beide aber auch dunkle Geheimnisse bergen, wissen nicht allzu viele – oder wollen nicht allzu viele wissen. Shirley Temple war damals ursprünglich für die Rolle der Dorothy Gale in dem Musical-Film Der Zauberer von Oz vorgesehen. Damals war sie elf Jahre alt, als sie ins Büro des Produzenten Arthur Freed gerufen wurde. Dieser habe ihr dort seinen Penis gezeigt, woraufhin sie unsicher gelacht haben solle und aus dem Büro geworfen wurde. Die Rolle bekam sie anschließend nicht. Ob es damit zusammenhing? Oder Tippi Hedren, der Star aus Alfred Hitchcocks Die Vögel. Sie berichtete, dass der Regisseur sie mehrfach bedrängt habe, ja, sogar besessen von ihr gewesen sei.

Auch ein Woody Allen, der immer wieder für seine Filme und seine intelligenten, tiefgründigen Frauenrollen gelobt wird und von Film zu Film die bekanntesten Stars engagiert, soll 1992 seine Adoptivtochter sexuell missbraucht haben. Oder ein Roman Polanski, der 1977 ein Mädchen vergewaltigt haben soll, daraufhin aus den USA floh und sich seitdem in Ländern aufhält, die kein Auslieferungsabkommen mit den Vereinigten Staaten haben.

Das sind die mitunter bekanntesten Fälle von sexuellen Übergriffen in der Filmbranche, die zeitgeschichtlich festgehalten wurden. Die Dunkelziffer solcher Fälle liegt aber weitaus höher. Doch woran liegt das? Und warum sind so wenige Fälle bekannt?

Von der Macht und ihren Strukturen

Nun, das liegt zum einen daran, dass sich die mutmaßlichen Täter in Machtpositionen befinden. Die Opfer sind in gewisser Weise von ihnen abhängig. Das war damals so und ist auch heute noch so. Wenn ein Harvey Weinstein zur Rollenbesprechung in sein Hotelzimmer einlädt, dann bedeutet das, dass er helfen kann – aber es erfordert auch eine Gegenleistung. Oder wenn ein Kevin Spacey zur Rollenbesprechung im Theater einlädt, dann bedeutet das nicht nur, dass in lockerer Picknick-Atmosphäre ein Plausch abgehalten wird, sondern dass er helfen kann – aber es erfordert auch eine Gegenleistung.

In solchen Situationen kommen sicherlich wieder unzählige Besserwisser aus ihren Löchern gekrochen und geben Kommentare von sich, wie:

Wo ist denn das Problem, mal kurz die Bluse oder die Hose aufzumachen, wenn man damit die Karriereleiter aufsteigt?‘ ODER ‚Wieso machen die vermeintlichen Opfer das überhaupt? Sind sie dann überhaupt noch Opfer eines sexuellen Übergriffes, wenn sie sich darauf einlassen? Schließlich müssen sie auf solche Forderungen ja nicht eingehen.‘

Nun, zum ersten Punkt lässt sich sagen, dass es durchaus unter Prostitution zu zählen ist, für mehr Geld, einen besseren Job oder eine bessere Rolle den eigenen Körper herzugeben. Jede Person, egal welchen Geschlechts oder welchen Alters, sollte ein Recht darauf haben, auf professionelle Weise Geld zu verdienen. Zum zweiten Punkt lässt sich sagen, dass sich viele aus Angst nicht wehren. Aus Angst davor, den Job zu verlieren, Geld zu verlieren und schlimmstenfalls auf der Straße zu landen. Und diese Angst kann in ‚unangebrachten‘ Situationen mindestens lähmend sein. Es führt auch dazu, dass viele Opfer solcher Übergriffe nichts sagen oder, wie in einigen dieser Fälle, Jahre oder Jahrzehnte damit warten, bis sie an die Öffentlichkeit gehen. Schlicht aus Angst und aus Scham. Und solche Kommentare wie oben, die noch abgeschwächt formuliert sind, sind in vielen Köpfen wiederzufinden und tragen nicht dazu bei, dass Angst- und Schamgefühle der Opfer abgebaut werden können. Hierzu auch ein sehr gutes Video zu Sexismus in Deutschland, von Rayk Anders:

 

Das Aufbrechen der Strukturen

Es ist durchaus sehr wahrscheinlich oder vielmehr ist es durchaus offensichtlich, dass Sexismus eine große Rolle dabei spielt und es mag auch sein, dass es damals „so Usus gewesen sei“, eine Frau minderwertig zu behandeln, wie von Alec Baldwin behauptet. Wenn man sich das Alter von einigen der Beschuldigten anschaut, dann gehören sie definitiv auch dieser Generation an. Allerdings kommt hinzu, dass einige dieser Männer (Brett Ratner, Bryan Singer) nicht mehr dieser Generation angehören. Somit handelt es sich hierbei um kein generationenspezifisches Problem, sondern um ein systematisches Problem. Ein Problem der Macht. Einer Macht, die ganz klar patriarchale Strukturen aufweist und sich nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen Kinder und gegen Männer – oder schlicht gegen Schwächere – richtet.

Ein nicht sonderlich weiser, aber alter Mann hat vor kurzem gesagt: „Aber es sollte auch nicht zur Atmpsphäre einer Hexenjagd führen, in der jeder Kerl, der in einem Büro einer Frau zuzwinkert, plötzlich einen Anwalt anrufen muss.“ Dieser Satz zeigt deutlich, dass Woody Allen nicht verstanden hat, worum es eigentlich geht. Und ganz ehrlich, wenn eine Hexenjagd dazu beiträgt, dass eine Sensibilisierung für sexuelle Übergriffe erfolgt, dass sich am bestehenden System etwas ändert und dass Machtstrukturen aufgebrochen werden, schlicht, wenn es einen Paradigmenwechsel mit sich bringt, dann ist eine „Atmosphäre einer Hexenjagd“ genau das, was es gerade braucht. Im Anschluss können Dialoge folgen.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Eine Frage, die mich nicht erst (aber verstärkt) seit dem Öffentlichwerden solcher Ereignisse beschäftigt, ist folgende:

Dürfen Werke von und mit den Beschuldigten weiterhin geschaut werden?

Man könnte sich diese Frage sogar bei KünstlerInnen stellen, die, trotz des Wissens über solche Taten oder Anschuldigungen, immer noch mit den Beschuldigten zusammengearbeitet haben bzw. auch weiterhin zusammenarbeiten:

Dürfen Filme von und mit MitwisserInnen/Duldenden weiterhin geschaut werden?

Nun, prinzipiell kann jede/r ZuschauerIn selbst darüber entscheiden, ob er/sie die Filme oder Serien weiterhin anschaut oder für immer von der Netzhaut und aus dem Gedächtnis verbannt. Letztendlich ist es eine Frage danach, inwiefern man das mit dem Gewissen und den eigenen moralischen Vorstellungen vereinbaren kann. Wobei es schwierig ist, ein Werk vom Autor zu trennen. Etwas von der Persönlichkeit fließt immer mit ein, und sei es nur der Name. Denn selbst dieser kann sich wie ein Schatten über das Werk legen. Sicherlich ist es möglich, den Namen von Harvey Weinstein aus den Credits jener Projekte zu schneiden, bei denen er als Produzent jüngst noch tätig war. Sicherlich ist es möglich, als ZuschauerIn über gewisse Namen wie Woody Allen oder Roman Polanski hinwegzusehen, wenn sie im Vor- und/oder Abspann erscheinen. Schwieriger wird es allerdings bei einem Kevin Spacey, der nicht nur namentlich Erwähnung findet, sondern einer Figur, wie einem Frank Underwood, ein Gesicht verleiht.

Die Größe der eigenen Schmerzgrenze muss jede/r mit sich selbst aus machen. Es bleibt abzuwarten, ob es weitere Enthüllungen geben wird und wenn ja, in welchem Ausmaß. Es bleiben Dialoge abzuwarten, die anschließend geführt werden, wenn die „Hexenjagd“ vorbei ist. Es bleibt abzuwarten, ob die Zeit die Wunden heilt oder – wie es sonst immer der Fall ist – ob sie Gras über die Sache wachsen lässt. Aber all das, wird sich mit der Zeit zeigen. Und so lange ist es vielleicht angebracht, auf die eigenen moralischen Grundsätze zu achten.

Videoquelle: https://www.youtube.com/watch?v=F6bunFmSdvs

Bildquelle: https://www.mnnonline.org/news/metoo-what-does-it-mean-to-you/

Artikel:

New York Times Artikel –> https://www.nytimes.com/2017/10/05/us/harvey-weinstein-harassment-allegations.html

Jeff Bridges Mitleid mit Weinstein –> http://variety.com/2017/film/news/jeff-bridges-harvey-weinstein-scandal-1202584654/

Woody Allen Mitleid mit Weinstein –> http://www.spiegel.de/panorama/leute/woody-allen-zum-harvey-weinstein-skandal-traurig-fuer-alle-beteiligten-a-1173113.html

Donna Karan Victim Blaming –> http://www.dailymail.co.uk/news/article-4964380/Donna-Karan-defends-Harvey-Weinstein-blames-victims.html

Mayim Bialik Victim Shaming –> https://mobile.nytimes.com/2017/10/13/opinion/mayim-bialik-feminist-harvey-weinstein.html?smid=tw-share&referer=https://t.co/blR7AqTGv7?amp=1

Scott Rosenberg Jeder wusste –> http://deadline.com/2017/10/scott-rosenberg-harvey-weinstein-miramax-beautiful-girls-guilt-over-sexual-assault-allegations-1202189525/

Quentin Tarantino Mehr gewusst –> https://www.nytimes.com/2017/10/19/movies/tarantino-weinstein.html

James Toback 300 Frauen –> https://www.promiflash.de/news/2017/10/31/sex-skandal-james-toback-ist-sich-keiner-schuld-bewusst.html

Dustin Hoffman Praktikantin –> http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/vorwuerfe-gegen-oscar-preistraeger-us-autorin-wirft-dustin-hoffman-sexuelle-belaestigung-vor/20529970.html

Kevin Spacey Twitter –> https://twitter.com/KevinSPacey

Kevin Spacey Netflix –> http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/weitere-missbrauchs-vorwuerfe-netflix-feuert-spacey-15277058.html

Der Zauberer von OZ –> https://www.welt.de/vermischtes/article169696620/Nach-ein-paar-Minuten-fingen-die-Schauspielerinnen-an-zu-weinen.html

Tippi Hedren –> https://www.stern.de/lifestyle/leute/tippi-hedren–alfred-hitchcock-war–pervers–7128656.html

Video Rayk Anders –> https://www.youtube.com/watch?v=F6bunFmSdvs

Alec Baldwin –> http://www.focus.de/kultur/vermischtes/alec-baldwin-ich-habe-frauen-sehr-sexistisch-behandelt_id_7800735.html

Woody Allen Hexenjagd –> https://www.rollingstone.de/woody-allen-zu-weinstein-skandal-jetzt-bloss-keine-hexenjagd-1357213/

Woody Allen Adoptivtochter –> https://www.welt.de/vermischtes/article124451834/Adoptivtochter-wirft-Woody-Allen-Missbrauch-vor.html

Roman Polanski –> http://www.spiegel.de/panorama/justiz/roman-polanski-neue-vergewaltigungsvorwuerfe-gegen-starregisseur-a-1171141.html

Harvey Weinstein Credits –> http://deadline.com/2017/10/harvey-weinstein-tv-film-credits-removed-company-name-change-plans-1202184884/


Ein Gedanke zu “DIE FILMBRANCHE UND EINE UMKEHRUNG DER MACHT

  1. Ich glaube nicht daran, dass es im Filmgeschäft je eine wirkliche Trennung zwischen diesen Dingen geben wird. Show ist dort alles, mit Show wird dort Geld verdient. Selbst wenn keine sexuellen Forderungen gestellt werden, wie jetzt öffentlich geworden, wird es für eine Rolle Angebote geben. Da gibt es neben Talent und Können einfach zu viele Softskills und immer Menschen, die diese anbieten. An anonyme Bewerbungen auf eine Rolle glaubt ja nun niemand. Diskriminierung, wegen Geschlecht, Alter, Rasse, Aussehen usw. ist ja auch systematisch.

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