LADY BIRD

Lichtspielhaus – Die große Leinwand

Wie hoch kannst du fliegen?

Die Jugendzeit ist eine schwere Zeit. Hormone spielen verrückt, Gefühle sind auf einmal ganz groß und seltsam komplex, Pflichten werden größer und die Eigenverantwortung wächst. Die Schulzeit ist bald vorbei und ehe man sichs versieht, stellt sich plötzlich die Frage – Was kommt danach? Das ganze Leben steht noch bevor und doch fühlt es sich so an, als würde etwas ganz Essentielles zu Ende gehen.

Unbehagen und Angst vor der Zukunft machen sich breit. Die Welt, eben noch ganz klein und behütend, erscheint auf einmal so groß und unendlich weit. Erwartungen werden gestellt. Nicht nur von anderen, auch von sich selbst. Und diese zu erfüllen, ist nicht immer leicht. Vor allem dann nicht, wenn die Erwartungen der anderen mit den eigenen weit auseinander gehen.

Ungefähr in dieser Phase des Lebens findet sich die junge ‚Lady Bird‘ (Saoirse Ronan) wieder. Noch besucht sie eine katholische Schule, doch in einem Jahr ist sie erwachsen, dann muss sie wissen, wie es weiter geht. Doch auf ihrem Weg liegt so manch großer Stein, den es zu überwinden gilt. Ihre Noten sind nicht gut genug, um renommierte Colleges zu besuchen, ihre Eltern haben nicht genügend Geld, um ihr ein Studium zu finanzieren und ihre Mutter hat offenbar eine ganz andere Zukunft für sie im Sinn, als Lady Bird es sich selbst eigentlich wünscht. Überflüssigerweise machen es ihr die erste große Liebe, falsche Freunde und der Wunsch nach Zugehörigkeit nicht gerade leichter und so findet sie sich in einem Gewirr aus Gefühlen wieder, die sie zu überwältigen drohen.

Das, was zunächst nach einer x-beliebigen Komödie über das Erwachsenwerden klingt, entpuppt sich schnell als eine eigenständige Hommage an die Jugend mit Tiefgang. Vom Tonfall erinnert LADY BIRD sehr an THE PERKS OF BEING A WALLFLOWER. Interessant an LADY BIRD ist vor allem, dass es kein klares Ziel zu geben scheint, worauf die Hauptfigur hinarbeitet. Natürlich möchte sie einen Abschluss machen, auf ein möglichst gutes College gehen und sich selbst beweisen, jedoch wirkt der Film eher wie eine Momentaufnahme aus dem Leben einer jungen Frau. Dies wird durch den scheinbar beliebig gewählten Einstieg des Films, durch das abrupte Ende und durch eine größtenteils passiv wirkende Hauptfigur untermauert. Und das ist durchaus erfrischend.

Interessant sind auch die Figuren des Films, welche oberflächlich betrachtet stereotypisch wirken, aber im weiteren Verlauf immer vielschichtiger und dadurch seltsam realistisch werden. Dazu trägt auch das feinfühlige Schauspiel bei, welches die Figuren mit Leben erfüllt. Einzig die „coolen Kids“ sind etwas zu eindimensional geraten. Sie wirken zu aufgesetzt und das macht den Film in dieser Phase etwas schwierig anzuschauen.

Etwas verwirrend ist der Look des Films. Wenn nicht explizit erwähnt werden würde, dass LADY BIRD kurz nach den 2000 spielt, könnte die Uhr glatt noch weitere 20 Jahre zurück gedreht werden. Das Bild erinnert eher an die 1980er, als an die 2000er. Ob das nun gut oder schlecht ist, muss jede und jeder für sich selbst entscheiden. Vielleicht hilft es dem einen oder der anderen auch dabei, durch die ‚gefühlte‘ Nostalgie der 1980er die eigene Jugend wiederzuentdecken und sich zurück zu fühlen.

Generell gibt es über LADY BIRD aber nicht viel Negatives zu sagen. Es handelt sich hierbei um einen gut gemachten Film, mit einer nennenswerten schauspielerischen Leistung, einem schönen, zeitlosen Soundtrack und einigen Momenten, die aus dem Leben gegriffen zu sein scheinen. LADY BIRD schafft es, auf sympathische Art und Weise über kleinere Schwächen hinwegzutäuschen und ist ein Film, den es definitiv lohnt, einmal gesehen zu haben.

Es ist Zeit, den goldenen Käfig zu verlassen.

 

Punkte: 11 von 15

OT: LADY BIRD

Start: Bereits erschienen

Land & Jahr: USA 2018

Regie: Greta Gerwig

Darsteller: Saoirse Ronan, Beanie Feldstein, Laurie Metcalf, Lucas Hedges u.a.

Laufzeit: ca. 95 min.

FSK: 0

Geschnitten: Nein

Bildquelle: https://www.imdb.com/title/tt4925292/mediaviewer/rm98587392


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