IT COMES AT NIGHT

Heimkino

Wie viel Raum birgt ein Haus für Menschlichkeit, in dem man nur noch überlebt?

Ein alter Mann. Er scheint krank zu sein. Seine Haut ist übersät mit Flecken und Blasen. Es ist die Stimme einer Frau zu hören. Sie redet ihm zu. Gedämpft. Es sei alles in Ordnung. Er könne loslassen. Die Blickrichtung ändert sich. Eine Gestalt mit Gasmaske sitzt dem alten Mann gegenüber. Es ist die Frau. Der Raum ist mit Planen behangen. Wie für eine Quarantäne.

Wenig später ist der alte Mann tot. Erschossen. Ein Zeichen der Gnade? Sein lebloser Körper wird in eine ausgehobene Grube gelegt. Und anschließend verbrannt. Eine Sicherheitsmaßnahme als Ritual zur Erweisung der letzten Ehre.

Damit steigt IT COMES AT NIGHT unmittelbar in die Handlung ein. Und eine solche Situation ist als Exposition wirklich gut gewählt, da wir als ZuschauerInnen alles Nötige erfahren. Zum einen lernen wir die Figuren kennen. Paul (Joel Edgerton) ist das ‚Oberhaupt‘ der Familie und stets auf Sicherheit bedacht. Sarah (Carmen Ejogo) ist Pauls Frau und der emotionale Anker. Und dann noch Travis (Kelvin Harrison Jr.), der Sohn von Paul und Sarah.

Des Weiteren lernen wir ihre Welt kennen. Das Haus in dem sie leben und der Wald, der sie umgibt, sind die zentralen Handlungsorte des Films. Wir erfahren etwas über die Umstände, unter denen sie leben, oder besser, überleben müssen. Wir erfahren, dass da draußen etwas ist und dass es Menschen krank macht. Wir erfahren, dass diese Krankheit ansteckend ist. Und wir erfahren, dass diese Krankheit unheilbar zu sein scheint. Das Spannende daran jedoch ist, dass wir keine nähere Erläuterung bekommen. Wir wissen ungefähr genauso viel, wie die Figuren des Films. Es gibt keine wissenschaftliche Erklärung, sondern nur die Gewissheit, dass da etwas ist – eine unsichtbare Bedrohung. Diese unsichtbare Bedrohung kann jedoch mit einem Mal die Gestalt eines Menschen annehmen, wenn dieser von der Krankheit befallen ist.

Und so kommt es, dass eines Abends ein junger Mann in das Haus der Familie einbricht. Er wird jedoch gestellt und umgehend an einen Baum gefesselt. Dort gibt sich der junge Mann als Will (Christopher Abbott) zu erkennen und erklärt, dass er nur eingebrochen sei, um Vorräte für seine Familie zu finden. Nach einigem Hin und Her sind Paul und Sarah bereit, dem jungen Mann zu helfen. Sie holen ihn und seine Familie ins Haus.

Zunächst scheint das Zusammenleben der beiden Familien harmonisch zu verlaufen. Doch nach und nach entfaltet sich IT COMES AT NIGHT zu einem Kammerspiel. Einfach alles wirkt unheimlich und bedrohlich. Es fällt beinahe schwer, sich als ZuschauerIn nicht von der Paranoia anstecken zu lassen.

Der Regisseur Tray Edward Shults erschafft in seinem Film eine Welt voller Gefahren. Vertrauen zu fassen oder zu gewinnen ist schwer, fast schon unmöglich. Vor allem dann, wenn es nur noch um das eigene Überleben und das der Familie geht.

Doch während Paul und Sarah sich in dieser Welt irgendwie zurechtfinden können, scheint ihr Sohn Travis für diese Art von Leben nicht geschaffen zu sein. Von Albträumen geplagt, fällt es ihm nicht leicht, einen ruhigen Schlaf zu finden. Und so schleicht er Nacht für Nacht durch das dunkle Haus und versucht die Welt zu verstehen und das Erlebte zu verarbeiten. Dies spiegelt sich wiederum in seinen Träumen wider, die sich nach und nach immer realer anfühlen. Dabei wird so gekonnt mit den beiden Ebenen Traum und Realität gespielt, dass man sich letztendlich fragen kann, ob nicht alles nur ein einziger Albtraum ist. Denn, sobald Travis aus seinen fürchterlichen Träumen erwacht, ist der Horror immer noch allgegenwärtig.

IT COMES AT NIGHT erzeugt eine unheimlich beklemmende Stimmung. Diese wird nicht nur von den sichtlich angespannten und misstrauischen Figuren erzeugt, sondern auch durch das Haus selbst. Lange, schmale und dunkle Gänge erstrecken sich fast schon wie ein Labyrinth durch das Gebäude. So richtig weiß man als ZuschauerIn nie, wo man sich gerade befindet. Doch diese Orientierungslosigkeit ist nicht etwa die Folge mangelnden filmischen Könnens, sondern viel mehr gewollt. Denn dadurch wird das unwohlige Gefühl in der Magengegend nur noch verstärkt. Man möchte dem Grauen einfach nur entfliehen.

Auch die Kamera weiß eine beklemmende und beängstigende Stimmung zu erzeugen. Ruhig und mit kühlen Bildern beobachtet sie das Geschehen. Selbst, wenn das letzte Licht aus einem Raum verschwunden ist, verharrt sie noch für einen kurzen Augenblick in der Dunkelheit, wohl wissend, dass sich darin etwas verbirgt.

Doch so gut die Inszenierung und so interessant das Grundkonzept auch sein mögen, IT COMES AT NIGHT dürfte eventuell der einen oder anderen Person vor den Kopf stoßen, denn der Film gibt dem Publikum allgemein wenig Informationen an die Hand. Viele Fragen bleiben somit ungeklärt. Das dürfte vor allen Dingen diejenigen frustrieren, die gerne eine logische Erklärung für das Gesehene erwarten. Auch ist er kein typischer Horrorfilm, der versucht, das Publikum durch so viele Jump Scares wie möglich zu erschrecken, da er darauf fast komplett verzichtet. Somit dürften sich Fans von INSIDIOUS und Co. eher langweilen.

Wer aber subtilerem Horror nicht abgeneigt ist, es zusätzlich mag zu interpretieren und auch mal das eigene Köpfchen anzustrengen und zudem eher auf eine sich steigernde Spannung, denn auf simple Schockmomente steht, sollte mit IT COMES AT NIGHT einen sehr unterhaltsamen Horrorfilm zu sehen bekommen, welcher eher auf der psychischen als auf der physischen Ebene funktioniert. Und dadurch, dass eben nicht alles bis ins letzte Detail erklärt wird, ist man nicht dem Risiko ausgesetzt, eine möglicherweise banale Auflösung für alles zu erhalten und dann doch noch unzufrieden aus dem Film zu gehen.

Alles in allem hätten IT COMES AT NIGHT zwar zehn Minuten Laufzeit mehr ganz gut getan, um den ein oder anderen nervenzerreißenden Moment noch auf die Spitze treiben zu können, allerdings entschädigt dafür das wirklich fiese Ende des Films. Und so hat Trey Edward Shults eine kleine Perle des Horrorfilms erschaffen, die auch nach der Sichtung noch im Gedächtnis bleiben wird – insofern man sich auf diesen Horrortrip einlassen kann.

Beängstigend gut.

Punkte: 13 von 15

OT: IT COMES AT NIGHT

Start: Bereits erhältlich

Land & Jahr: USA, 2017

Regie: Trey Edward Shults

Darsteller: Joel Edgerton, Carmen Ejogo, Kelvin Harrisson Jr., Christopher Abbott, Riley Keough u.a.

Vertrieb: Universum Film

Laufzeit: ca. 92 min

FSK: 16

Geschnitten: Nein

Bildquelle: https://www.imdb.com/title/tt4695012/mediaviewer/rm1817065216

 


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