TRAIN TO BUSAN

Heimkino

Wie SNOWPIERCER, nur mit Zombies?

Normalerweise schreibe ich nur über Filme, die ich bedenkenlos empfehlen kann. Nachdem ich den ersten Trailer zu TRAIN TO BUSAN sah, fand ich die Prämisse interessant, dass in einem fahrenden Zug eine Zombie-Epidemie ausbricht und sich die bis dato überlebenden Passagiere gegen die Bedrohung zur Wehr setzen müssen. Nachdem der Film auch noch bei ZuschauerInnen und KritikerInnen gleichermaßen gut ankam, war meine Erwartungshaltung hoch und so freute ich mich auf die höllische Zugfahrt. Um es gleich vorweg zu nehmen – meine Erwartungen wurden nicht erfüllt. Warum der Film dennoch hier besprochen wird, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen. Aber vorab kurz zur Handlung:

 Der Fonds-Manager Seok-woo (Gong Yoo) verbringt den Großteil seiner Zeit im Büro. So viel Zeit, dass seine Ehe daran zerbrochen ist und seine Frau getrennt von ihm in Busan lebt. Auch seine kleine Tochter Su-an (Kim Su-an) fühlt sich vernachlässigt und wünscht sich, an ihrem Geburtstag ihre Mutter zu besuchen. Und so macht sich Seok-woo auf den Weg, um seine Tochter nach Busan zu begleiten.

 Gleichzeitig passieren seltsame Dinge. Ein Reh wird überfahren, um kurz darauf scheinbar wieder von den Toten aufzuerstehen. Notdienste sind im Einsatz, um ein brennendes Hochhaus zu löschen und Überlebende zu bergen. Und wenig später hat es die Polizei mit vermeintlichen Randalierenden zu tun, welche in den Straßen Chaos verbreiten.

 Inzwischen sitzen Seok-woo und dessen Tochter allerdings schon im titelgebenden Zug nach Busan. Doch kurz bevor dieser Fahrt aufnimmt, rettet sich eine verletzte Frau unbemerkt in den Zug. Niemand ahnt, was was daraufhin noch geschehen wird…

 Niemand, außer dem Publikum natürlich. Denn die Prämisse einer Zombie-Epidemie in einem Zug dürfte wohl der Anreiz für die meisten ZuschauerInnen gewesen sein, sich diesen Film anzusehen. Und in der Tat ist das zunächst eine spannende Grundidee, die einen spannenden Film verspricht. Auf engstem Raum einen Kampf um Leben und Tod ausbrechen zu lassen und dann auch noch in einem fahrenden Zug – das erinnert tatsächlich ein wenig an SNOWPIERCER. Auch die eingestreuten, gesellschaftskritischen Kommentare hatte TRAIN TO BUSAN mit SNOWPIERCER gemein. Wobei eben solche Kommentare aus einem ernstzunehmenden Zombie-Film heutzutage gar nicht mehr wegzudenken sind.

 Doch irgendwie scheint es Yeon Sang-ho zu verpassen, die richtige Abfahrt zu nehmen und den Zug somit auf den Schienen zu halten, denn TRAIN TO BUSAN wird sehr schnell sehr nervenaufreibend – und das im negativen Sinne. Vor allem für diejenigen, die rennende Untote schrecklich nervig finden, seien an dieser Stelle gewarnt, hat der Film doch einige dieser unermüdlichen SprinterInnen zu bieten. Nicht selten erinnert das Ganze dann an WORLD WAR Z, wenn die Zombies in Massen auf ihre Opfer zuströmen und dabei selbst einen Turm aus untotem Fleisch bilden.

 Doch ob nun schleichende Zombies des 20. Jahrhunderts oder deren rennende KollegInnen aus dem 21. Jahrhundert bevorzugt werden, ist immer noch eine Frage des persönlichen Geschmacks. Was an TRAIN TO BUSAN wirklich stört, sind die Figuren. Diese sind leider nicht mehr als Stereotype. Zwar leisten die meisten SchauspielerInnen gute Arbeit und versuchen so viel wie möglich aus den begrenzten Charaktereigenschaften herauszuholen, aber leider ist es den Figuren stets anzumerken, dass ihnen eine Rolle zugewiesen wurde. Diese Rolle dient dann meist nur der Handlung oder einer bestimmten Aussage. Ein ganz großes Thema des Films etwa ist der Egoismus des Menschen, und hierfür stellen die einzelnen Figuren die einzelnen Kommentare zu diesem Thema dar. Leider sind die Figuren dadurch zu sehr auf ihre Rolle beschränkt und weichen kaum bis gar nicht von ihren Standpunkten ab.

 Dem hinzu kommt, dass die Figuren oft genug fragwürdige Entscheidungen treffen bzw. sich insgesamt einfach dämlich verhalten. Wie kann beispielsweise niemand der Passagiere bemerken, dass eine junge Frau durch die Gänge zuckt und gluckst, deren Haut dazu deutlich unnatürliche Verfärbungen aufweist und der es offenbar nicht gut zu gehen scheint? Dass die Figuren ihre inneren Konflikte ausgerechnet in solchen Momenten austragen müssen, in denen es auf schnelles Handeln ankommt, da sonst Verbündete oder sie selbst sterben könnten, setzt dem ganzen noch die Krone auf. Gerade zu Beginn des Ausbruchs der Epidemie und etwa bis zum letzten Drittel des Films, kann das sehr anstrengend sein.

 Ein weiteres Manko des Films sind die visuellen Effekte. Selten sahen in letzter Zeit Feuer und Rauch so künstlich aus, wie hier. Dagegen wirken die handgemachten Effekte und das Make-Up wirklich gut und glücklicherweise wird sich größtenteils auf die inneren Räumlichkeiten des Zuges beschränkt.

 Nach so viel Negativem kann man sich fragen – Warum wird der Film hier denn nun besprochen? Eine Empfehlung scheint das nicht gerade zu sein. Nun, ähnlich wie WHAT HAPPENED TO MONDAY? – welcher ebenfalls trotz einer schlechteren Bewertung auf dieser Seite besprochen wurde – zeichnet sich TRAIN TO BUSAN durch eine interessante Grundidee aus und weiß auch hin und wieder gute Einfälle einzustreuen, die dem Zombie-Genre durchaus etwas Neues hinzufügen. Außerdem ist er nicht grundlegend schlecht, in dieser Rezension spiegelt sich lediglich meine persönliche Meinung wider. Und wenn man sich die Bewertungen auf IMDb, Rotten Tomatoes usw. ansieht, dann geht meine Meinung mit den Meinungen von vielen anderen nicht konform. Also muss auch irgendetwas Gutes an diesem Film zu finden sein. Und glücklicherweise darf das jeder und jede immer noch für sich selbst herausfinden.

 Wer sich darauf einlassen kann, dass rennende Zombies die Zuggänge unsicher machen und über die ein oder andere Schwäche hinwegsehen kann, kann mit TRAIN TO BUSAN einen zumindest interessanten Genre-Vertreter zu sehen bekommen. Wer nach den angeführten Kritikpunkten jedoch etwas abgeschreckt ist, kann getrost die Finger (und Augen) davon lassen.

Die Erwartungen bleiben auf der Strecke.

Punkte: 08 von 15

OT: BUSANHAENG

Start: Bereits erhältlich

Land & Jahr: KR, 2016

Regie: Yeon Sang-ho

Darsteller: Gong Yoo, Kim Su-an, Jung Yu-mi, Choi Woo-chick u.a.

Vertrieb: Splendid

Laufzeit: ca. 118 min

FSK: 16

Geschnitten: Nein

Bildquelle: https://www.imdb.com/title/tt5700672/mediaviewer/rm310842624


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