SICARIO / SICARIO 2

Heimkino – Special

Der Zweck heiligt alle Mittel.

Sequels zu Filmen, die ursprünglich eigentlich nach keinem zweiten Teil verlangt haben, sind immer so eine Sache für sich. Ist ein Film ein Kassenhit, wird meist schnell ein zweiter Teil oder sogar eine ganze Reihe aus dem Boden gestampft. Oftmals hat es den Anschein, als müsse die ‚Cash Cow‘ noch einmal richtig gemolken werden. So ist zumindest die Wahrnehmung vieler Zuschauer und Zuschauerinnen.

Das Ergebnis bestätigt diesen Eindruck dann auch leider viel zu oft, denn die berühmten zweiten Teile sind meistens absoluter Murks. Bestenfalls verbirgt sich hinter Nachfolgefilmen ein seelenloser Abklatsch, der das Erfolgsrezept des ersten Teils mehr schlecht als recht zu kopieren versucht und von allem Reißerischen noch ein bisschen mehr bieten will.

Auch bei SICARIO 2 lag die Vermutung nahe, dass diesem Film das gleiche Schicksal drohen würde. Nach SICARIO hätte niemand nach einem zweiten Teil verlangt, stand der hochgelobte Thriller von Denis Villeneuve doch für sich allein. Die Geschichte erschien auserzählt zu sein. Doch prompt nach den positiven Kritiken zu SICARIO, wurde ein zweiter Teil in Auftrag gegeben – SICARIO: DAY OF THE SOLDADO, wie SICARIO 2 im Original heißt. Ein reißerischer Titel, der einen reißerischen Film verspricht und auch der Trailer mutete ebenso reißerisch an. Und dann nahm auch noch ein anderer Regisseur auf dem Regie-Stuhl platz – ebenfalls eine gängige Masche in der Film-Industrie. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Doch, ist SICARIO 2 nun wirklich ein typisches Sequel? Achtung, SPOILER – Hat Denis Villeneuve im Jahr 2015 mit SICARIO ein kleines Meisterwerk geschaffen, so ist Stefano Sollima im Jahr 2018 mit SICARIO 2 zwar vielleicht kein ebenbürtiges Meisterwerk, aber dennoch ein sehr guter und absolut sehenswerter Film gelungen.

Doch worum geht es denn eigentlich? Grob gesagt geht es um den Kampf der USA gegen mexikanische Drogenkartelle. In SICARIO stürmt die junge FBI Agentin Kate Macer (Emily Blunt) gemeinsam mit ihrem Team ein Haus nahe an der Grenze zu Mexiko. Dieses Haus entpuppt sich förmlich als das Haus der tausend Leichen. Unzählige leblose Körper sind hinter den Mauern versteckt. Und dann explodiert eine Bombe. Deponiert, um neugierige Augen daran zu hindern etwas zu entdecken, was sie nicht entdecken sollen. Einige Polizeikräfte kommen dabei ums Leben.

Wenig später wird Kate von Matt Graver (Josh Brolin) für eine Task Force rekrutiert und lernt dabei den ehemaligen mexikanischen Anwalt Alejandro Gillick (Benicio del Toro) kennen, welcher, im Kampf gegen die Drogenkartelle, auf brutale Weise seine Familie verlor und nun sein ganz eigenes Ziel zu verfolgen scheint.

In SICARIO 2 gelangen Selbstmordattentäter über die mexikanische Grenze nach Amerika. Die US-Regierung vermutet, dass mexikanische Kartelle die Terroristen über die Grenze schleusen. Matt Graver (wieder Josh Brolin) wird nun damit beauftragt, in Mexiko ‚ordentich auf den Putz zu hauen‘, um somit einen Krieg unter den einzelnen Kartellen anzuzetteln. Hierfür soll das Mädchen Isabela Reyes (Isabela Moner), die Tochter des berüchtigten Drogenbosses Carlos Reyes, entführt werden. Dafür engagiert Matt Graver erneut Alejandro Gillick (ebenfalls wieder Benicio del Toro), denn Carlos Reyes ist ein ‚alter Bekannter’ von Alejandro.

Wie bereits erwähnt ist SICARIO ein wahres Meisterwerk. Es gibt allgemein nicht viel, maximal Kleinigkeiten, die man dem Film vorwerfen könnte. Die Figuren sind gut geschrieben und mit den dazu vollkommen passenden SchauspielerInnen besetzt. Die Geschichte erscheint zwar zunächst etwas flach, entpuppt sich aber als wesentlich tiefgründiger, als zu Beginn angenommen. Die Bilder sind stellenweise wirklich grandios schön, womit sie im starken Kontrast zur brutalen Welt stehen, in der der Film spielt. Der Soundtrack ist bombastisch und trägt ungemein zur Spannung bei. SICARIO ist spannend und brutal, ohne dabei jedoch auf selbstzweckhafte Action und Gewaltexzesse zu setzen. Dennoch werden die Grausamkeiten, die der Drogenkrieg mit sich führt, schonungslos von der Kamera präsentiert.

Mit der FBI-Agentin Kate Macer bekommt das Publikum zudem eine Identifikationsfigur, die es braucht. In der Welt von SICARIO scheint jegliche Moral abhanden gekommen zu sein – Beziehungsweise sind diese moralischen „Grenzen verschoben wurden“.

Ein kleines Problem, welches manche ZuschauerInnen haben könnten, wäre, dass der Film lange Zeit sehr wenig verrät. Das Publikum weiß ausschließlich so viel, wie dessen Identifikationsfigur Kate. Und das ist anfangs nicht viel, da ihr (und somit uns) Informationen bewusst vorenthalten werden. Dadurch könnte bei der ein oder anderen Person etwas Frust aufkommen, da so der Film nicht leicht zugänglich ist. Doch wer Geduld hat und auch gerne mal bei einem Film miträtselt, der/die wird bei SICARIO seine/ihre wahre Freude haben, denn letztendlich ist es ein Film, der (fast) alles richtig macht und noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Somit hat es Stefano Sollima von vornherein schwer, mit SICARIO 2 nachzulegen. Doch wenn man es schafft, diesen Film unabhängig von seinem Vorgänger zu betrachten, dann wird auch SICARIO 2 sehr gut gefallen. Doch wieso sollte man überhaupt einen zweiten Teil losgelöst vom ersten Teil betrachten?

Das ist sicherlich eine berechtigte Frage, erzählt SICARIO 2 die Geschichte um den Krieg gegen die Kartelle konsequent fort. Die Handlung baut mehr oder minder auf den Ereignissen des ersten Teils auf, was gerade bei dem etwas hektischen und wirren Einstieg durchaus von Vorteil ist. Auch haben wir bereits einige Figuren wie Matt Graver und Alejandro Gillick kennengelernt. Wir kennen einen Teil ihrer Geschichten. Wir kennen ihre guten Seiten. Und wir kennen ihre menschlichen Schwächen.

Doch trotz der ganzen Bezüge auf SICARIO, erzählt SICARIO 2 eine weitestgehend eigenständige Geschichte, welche auch funktioniert, ohne den ersten Film gesehen zu haben. Viele Erzählstränge aus SICARIO sind auserzählt. Es werden neue Figuren und neue Konflikte eingeführt.

Weshalb er außerdem losgelöst vom ersten Teil betrachtet werden kann, ist, dass er eine andere Erzählart hat. Zum einen ist er etwas ruppiger, ja fast schon machomäßiger. Aber nur so viel, dass es witzig und nicht unsympathisch wird. Denn im Vergleich zu SICARIO, wurde der Humorfaktor leicht angehoben, aber nur so viel, dass es nicht albern wirkt, sondern dass die Figuren dadurch nahbarer und zugänglicher werden. Und das hat der Film bitter nötig, denn ihm fehlt eine Identifikationsfigur, mit der wir uns als Publikum auf einer moralischen Ebene befinden.

Außerdem hält die Kamera mehr drauf, die Zahl der Explosionen ist gestiegen, es fliegen mehr Kugeln durch die Luft und das Blut spritzt mehr. Natürlich gibt es aber auch wieder leise Momente. Momente, die dem Film etwas Tempo herausnehmen und ihm gleichzeitig die nötige Tiefe geben, um nicht zu einem Macho-Action-Blockbuster zu verkommen.

Weshalb SICARIO 2 aber unabhängig von seinem Vorgänger betrachtet werden sollte, sind seine kleinen Schwächen. Zugegeben, das klingt niederschmetternder, als es gemeint ist. Doch war SICARIO rund um so gelungen, dass in SICARIO 2 die kleinen ‚Fehler‘, im unmittelbaren Vergleich, umso deutlicher auffallen könnten.

Neben dem etwas wirren Einstieg und der dadurch etwas konstruierten Hinführung zur eigentlichen Handlung, sowie neben der leicht hochgeschraubten Action und dem damit einhergehenden, gesteigerten Grad an Gewalt, sind zusätzlich leider die Nebenfiguren auf der Seite der amerikanischen Regierung etwas platt geraten. Allen voran die Figur des Verteidigungsministers James Riley (Matthew Modine) ist besonders seelenlos und eindimensional.

Zuweilen sind auch einige Wendungen etwas vorhersehbar – zumindest insofern, dass schon vorausgeahnt werden kann, welches Manöver zum Scheitern verurteilt ist und welche Konsequenzen daraus gezogen werden müssen.

Doch das klingt alles viel schwerwiegender, als es beim Schauen des Films ins Gewicht fällt. Denn SICARIO 2 kann seinen kleinen Schwächen umso mehr Stärken entgegensetzen. Hat der Film beispielsweise schwache Nebenfiguren, sind dafür die Hauptfiguren umso intensiver geschrieben und gespielt. Josh Brolin und Benicio del Toro haben eine unheimliche Präsenz auf dem Bildschirm. Die Kamera fängt ebenfalls wieder teilweise wunderschöne Bilder ein und der Soundtrack ist ebenso bombastisch, wie bei SICARIO.

Zusammengefasst kann man also sagen, dass SICARIO 2 durchweg auf sehr hohem Niveau agiert und sich nur dann und wann einen kleinen Schnitzer erlaubt. Und es lohnt sich definitiv, sowohl SICARIO als auch SICARIO 2 gesehen zu haben.

Sehr gut und meisterlich – die Daumen für den dritten Teil sind gedrückt.

 

Punkte: 14 von 15 (SICARIO) / 13 von 15 (SICARIO 2)

OT: SICARIO / SICARIO – DAY OF THE SOLDADO

Start: Bereits erhältlich / Bereits erhältlich

Land & Jahr: USA 2015 / USA 2018

Regie: Denis Villeneuve / Stefano Sollima

Darsteller: Emily Blunt, Josh Brolin, Benicio del Toro, Daniel Kaluuya u.a. / Josh Brolin, Benicio del Toro, Elijah Rodriguez, Isabela Moner u.a.

Laufzeit: ca. 121 min. / ca. 122 min.

FSK: 16 / 18

Geschnitten: Nein

Bildquelle: https://www.imdb.com/title/tt5052474/mediaviewer/rm542984448


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