BOMB CITY

Heimkino

The more I see of man, the more I like dogs.

In einem Gespräch mit BANDCAMP sagte der Schauspieler Keir Gilchrist (ATYPICAL) über GREEN ROOM, dass für ihn dieser Film das bisher realistischste Bild von Punk bieten würde, welches er in einem Film bisher gesehen habe. Warum ich das hier schreibe? Nun, zum einen würde ich Keir Gilchrist für diese Aussage definitiv erst einmal zustimmen. Denn fernab der eigentlichen Handlung, portraitiert GREEN ROOM Punks angenehm authentisch. Allerdings würde ich dieser kleinen Liste an Filmen, die Punk und das damit verbundene Lebensgefühl weitestgehend klischeefrei darstellen, einen weiteren Film hinzufügen – BOMB CITY.

Des Weiteren passt der Beitrag über Keir Gilchrist und dessen lange geführtes ‘Doppelleben’ zwischen Death Metal und Schauspielkarriere in gewisser Weise auch zum Inhalt des hier zu besprechenden Films. In beiden Fällen geht es unter anderem nämlich um ‘Andersartigkeit’ bzw. um die Angst davor, sich nicht zugehörig zu fühlen, nur weil man (scheinbar) anders ist.

Doch gehen wir an dieser Stelle noch einmal einen Schritt zurück und schauen, was in BOMB CITY eigentlich geschieht.

Der Film spielt im Jahr 1997. Schauplatz des Geschehens ist der Ort Amarillo in Texas. In der Nähe von Amarillo befindet sich eine Atomwaffenfabrik der USA, welche der Stadt den titelgebenden Spitznamen zu verdanken hat – Bomb City. In Bomb City lebt der junge Punk Brian Deneke (Dave Davis). Er und seine Freunde haben ein heruntergekommenes Lagerhaus gemietet, um lokalen Punkbands die Möglichkeit zu bieten, dort auftreten zu können. Dieses Lagerhaus ist aber nicht nur der Veranstaltungsort für Konzerte, sondern auch gleichzeitig ihr Wohn- und Lebensraum. Es ist eine Oase für diejenigen, die sich in der konservativen Gesellschaft nicht zurechtfinden.

Außerhalb dieses Heimathafens jedoch sind die Punks ständigen Provokationen und Anfeindungen ausgesetzt. Vor allem die Football-Spieler der örtlichen High School haben es auf sie abgesehen. Doch auch die Punks selbst sind keine Kinder von Traurigkeit und wissen sich, sowohl verbal als auch körperlich, zur Wehr zu setzen. So staut sich die Wut immer weiter an, bis der Konflikt eines nachts schließlich eskaliert.

Immer wieder wird die Handlung dabei durch Szenen aus dem Gerichtssaal unterbrochen, wobei es sich um Ausschnitte einer Gerichtsverhandlung handelt, in der die Geschehnisse eben jener schicksalhaften Nacht rekapituliert werden.

BOMB CITY beruht auf Begebenheiten, die sich, so oder so ähnlich, Ende der 90er Jahre in Amarillo (Texas) ereignet haben. Doch im Film geht es nicht nur darum zu zeigen, was sich damals zugetragen haben könnte, im Kern geht es um viel mehr.

Es geht darum, wer man ist und wie man von anderen wahrgenommen wird. Es geht um die Suche nach sich selbst inmitten einer Gesellschaft, die kaum Identifikationsmöglichkeiten anbietet. Und es geht um Macht. Macht darüber, wer entscheiden darf, wie viel Wert ein Leben hat.

Diese zentralen Konflikte werden im Film durch das Aufeinandertreffen zweier Seiten dargestellt. Auf der einen Seite befinden sich die Punks. Als Dorn im Auge der Gesellschaft versuchen sie sich von dieser abzugrenzen und sich einen eigenen Schutzraum zu errichten. Auf der anderen Seite befinden sich die Football-Spieler, mit denen die Punks außerhalb ihres Schutzraums immer wieder aneinandergeraten.

Bei dieser Darstellung macht der Film keinen Hehl daraus, für welche der beiden Seiten er Position bezieht. Und rein oberflächlich betrachtet kann diese Form der Gegenüberstellung recht eindimensional wirken. Fast so, als würde ‘Gut’ gegen ‘Böse’ antreten. Aber ganz so einfach macht es sich der Film dann doch nicht. Denn trotz dessen, dass der Film für eine der beiden Seiten Partei ergreift, schafft er es stets die Geschehnisse differenziert zu betrachten. So gibt er den Figuren die nötige Tiefe, um deren Handlungen nachvollziehbar zu machen. Und er stellt keine der beiden Seiten als bloße Täter oder als bloße Opfer dar. Denn es geht nicht darum, mit dem Finger auf eine der beiden Seiten zu zeigen. Es geht darum, Ungerechtigkeit anzuprangern, aber auch gleichzeitig an ein respektvolles Miteinander zu appellieren. Es geht um Toleranz, Akzeptanz und Gerechtigkeit. Es geht um Werte, die unsere Gesellschaft eigentlich ausmachen sollten. Und der Film zeigt, was passiert, wenn diese Werte nicht (mehr) existieren.

Es ist schon erstaunlich, was Jameson Brooks mit seinem ersten Langspielfilm hier auf die Beine gestellt hat. Natürlich ist diesem Film, wie auch so vielen anderen Debut-Filmen, hier und da anzumerken, dass noch etwas der Feinschliff fehlt. Aber darum soll es in dieser Besprechung nicht gehen, denn BOMB CITY ist kein Film, den ich vorrangig durch formale Kriterien bewerten möchte. Es ist ein Film, der ein Gefühl erzeugen möchte und der es, wenn man es zulässt, auch schafft, Emotionen auszulösen. Es ist ein Film, der aufrüttelt und betroffen macht, der gleichzeitig aber auch an das Positive appelliert. Und es ist ein Film, der sowohl ein zeitgeschichtliches Zeugnis ist, der durch seine Botschaft aber auch aktueller denn je wirkt. Denn er zeigt, dass Intoleranz und Ausgrenzung kein Problem von 12 Personen, sondern ein gesellschaftliches Problem ist.

We need unity. Stand up, no turning back. No need to fight.

OT: BOMB CITY

Start: Bereits erhältlich

Land & Jahr: USA, 2017

Regie: Jameson Brooks

Darsteller: Dave Davis, Luke Shelton, Glenn Morshower, Maemae Renfrow u.a.

Laufzeit: ca. 99 min

Freigabe: FSK ab 16 Jahren

Geschnitten: Nein

Bildquelle: http://www.filmstarts.de/kritiken/261532/bilder/?cmediafile=21599553


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