DER SCHACHT

Heimkino

Es gibt drei Arten von Leuten. Die von oben. Die von unten. Die, die fallen.

Ein junger Mann namens Goreng (Iván Massagué) erwacht in einem grauen Raum aus Beton. In dem Raum sind weder Türen noch Fenster. Nur ein Schacht, der von oben nach unten führt und nahezu endlos viele solcher Räume miteinander zu verbinden scheint. Gesellschaft leistet ihm ein alter Mann, welcher sich als Trimagasi (Zorion Eguileor) vorstellt. Trimagasi ist nun für die nächste Zeit Gorengs Bezugsperson und erklärt ihm die Regeln dieser sonderbaren Einrichtung.

Einmal am Tag fährt eine mit Essen beladene Plattform von oben nach unten durch den Schacht.

Die von oben dürfen sich den Magen vollschlagen. Die von unten bekommen die Reste.

Goreng und Trimagasi befinden sich auf der achtundvierzigsten Ebene. Gar nicht mal so schlecht, da sich immer noch etwas von dem Essen auf der Plattform befindet.

Wenn man Essen hortet, folgt eine sofortige Bestrafung.

Monatlich werden die Karten neu gemischt und die Insassen auf die Ebenen neu verteilt. Wo sich Goreng und Trimagasi in einem Monat befinden werden, ist  noch ungewiss. Gewiss ist aber, dass die Chancen, etwas vom üppigen Essen abzubekommen, schlecht stehen würden, sollten sie auf einer der untersten Ebenen landen. Und dann müssten sie für 30 Tage fasten. Oder sie müssen Alternativen in Erwägung ziehen.

Und – jede Person, die sich im sogenannten Schacht befindet, durfte einen persönlichen Gegenstand mit hineinnehmen. Goreng hat sich für ein Buch entschieden. Trimagasi für ein Messer.

Und damit: Willkommen in der “Verwaltung zentraler Selbstorganisation”.

Willkommen im Schacht.

Das Grundprinzip von DER SCHACHT ließ mich sofort an Filme wie CUBE und SNOWPIERCER denken. Und offenbar bin ich nicht der einzige, der diese Verbindung zieht. “SAW trifft CUBE trifft PARASITE” heißt es da beispielsweise auf filmstarts.de. Diese Vergleiche sind aber auch nicht unbegründet, weist der Film doch sehr viele Parallelen zu den genannten Referenzen auf.

Das Setting und die Grundsituation erinnern an SAW und CUBE. Menschen wachen an einem fremden Ort auf und müssen versuchen einen Ausweg zu finden. Hinzu kommen gewisse Regeln, an die sie sich halten müssen. Denn falls sie die Regeln missachten oder versuchen zu brechen, könnte dies mit dem Tod bestraft werden. Auf diese Weise entspinnt sich ein Kammerspiel, in dem es um nichts weniger als das eigene Überleben geht.

Garniert wird das Ganze mit mit einer Portion Gesellschaftskritik á la SNOWPIERCER, welche dem Film die nötige Tiefgründigkeit und Vielschichtigkeit verleiht. Und voilà, fertig ist ein Film, der nicht nur bestens unterhält, sondern gleich auch noch zum Mit- und Nachdenken anregt.

Zum Mitdenken regt unter anderem die unvorhersehbare Handlung des Films an. Diese ist nämlich eine der großen Stärken des Films. Die Drehbuchautoren David Desola und Pedro Rivero wissen der Geschichte die nötigen Wendungen zu verleihen. Dabei wirken die Twists selten erzwungen. Sie fügen sich viel eher auf natürliche Art und Weise in den angenehm unvorhersehbaren Handlungsverlauf ein. Und dies macht den Film mit einer ohnehin schon recht knackigen Laufzeit von 94 Minuten noch wesentlich spannender und kurzweiliger.

Die in die Geschichte eingeschriebene Gesellschaftskritik regt wiederum zum Nachdenken an. “Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten.” Passender als mit diesem Satz könnte man die in dem Film geäußerte Kritik nicht zusammenfassen. Denn in gewisser Weise ist die geäußerte Gesellschaftskritik eine Kritik von Links. Eine Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Eine Kritik an der politischen Machtverteilung. Eine Kritik an den Organen, die ihre Macht ausnutzen, worunter wiederum die ‘einfachen Menschen’ zu leiden haben.

Zusätzlich wird diese Kritik mit Anspielungen und Anlehnungen an die Bibel angereichert, um das gezeichnete Bild der Gesellschaft weiter zu verdeutlichen. Wobei man sagen muss, dass diejenigen Zuschauer*innen, die nicht bibelfest sind, von diesen Anspielungen vermutlich nicht allzu viel mitbekommen werden. Dadurch wird die geäußerte Botschaft aber nicht merklich verkürzt, sondern kann auch ohne das Entschlüsseln der Zeichen gelesen werden.

Was der Film, neben einer wendungsreichen Handlung und Gesellschaftskritik noch zu bieten hat, sind wirklich interessante Figuren. Diese besitzen zwar mitunter sehr überzeichnete Charaktereigenschaften und kommen dadurch etwas schräg daher. Aber sie sind letztendlich doch mehr als nur Stereotype. Vor allem Goreng ist eine wunderbare Identifikationsfigur. Als Zuschauer*in fiebert man mit ihm mit und möchte, dass er es irgendwie schafft, aus dieser Hölle zu entkommen. Unterstützt wird dies durch das gute Schauspiel von Iván Massagué, der eine breite Palette an Emotionen zeigt.

DER SCHACHT ist teilweise ziemlich brutal geraten und hält auch den einen oder anderen Ekel-Effekt parat. Das lässt die ohnehin schon ausweglose Situation noch auswegloser erscheinen und verleiht der geäußerten Gesellschaftskritik mehr Nachdruck. Allerdings kann der Film am Ende dadurch etwas schwerer im Magen liegen. Und es stellt sich mir ohnehin die Frage, ob einem Psycho-Thriller eine zu explizite Gewaltdarstellung nicht generell eher im Weg steht. Aber das ist letzten Endes ohnehin Geschmacksache.

Insgesamt ist der Film aber nichts für Personen mit einem schwachen Magen und schwachen Nerven. Denjenigen jedoch, die Lust auf einen düsteren und dreckigen Thriller haben und die vielleicht auch die oben genannten Filmbeispiele kennen und mögen, kann ich DER SCHACHT nur empfehlen. Der Regisseur Galdar Gaztelu-Urrutia hat mit seinem Regie-Debüt nämlich einen sehr spannenden, packenden und intelligenten Thriller abgeliefert, den man nicht nur konsumiert und gleich wieder verdaut, sondern der nachwirkt.

Außen blutig, innen well done.

OT: EL HOYO

Start: 20.03.2020 (NETFLIX)

Land & Jahr: ESP, 2019

Regie: Galdar Gaztelu-Urrutia

Darsteller: Iván Massagué, Alexandra Masangkay, Zorion Eguileor, Antonia San Juan, Emilio Buale Coka u.a.

Laufzeit: ca. 94 min

Freigabe: FSK ab 18 Jahren

Geschnitten: Nein

Bildquelle: https://www.moviepilot.de/movies/the-platform/bilder/811956


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