DER RAUSCH

Noch ’ne Runde, neues Glück.

Der letzte Film, den ich bis dato auf einer großen Leinwand zu sehen bekam, war BOHEMIAN RHAPSODY während des Open Air Kinosommers am Waschhaus Potsdam. Seitdem ist allerdings fast ein Jahr vergangen. Und nun, zum Start in die erneut erwachende Kinosaison, ist DER RAUSCH der erste Film, den ich seitdem wieder auf der großen Leinwand genießen konnte – passenderweise wieder beim Open Air Kinosommer am Waschhaus Potsdam. Einigen dürfte es nach der langen Kino-Abstinenz wohl eher nach etwas mehr Spektakel à la GODZILLA VS. KONG dürsten, doch für mich war DER RAUSCH genau der richtige Filmstoff, um wieder mit dem Kino anzufangen.

Martin (Mads Mikkelsen) und dessen Freunde Nikolaj (Magnus Millang), Peter (Lars Ranthe) und Tommy (Thomas Bo Larsen) befinden sich in einer Sinnkrise. Ihrer Arbeit als Lehrkräfte an einem Gymnasium gehen sie nur noch halbherzig nach, ihre Schüler:innen bringen ihnen maximal Desinteresse entgegen und auch im Privaten liegt so manches im Argen. Sie sind Mitte 40, stehen voll im Leben, aber fühlen sich irgendwie leer. Die immer gleichen Tage ziehen an ihnen vorbei. Man möchte meinen, sie stecken in der Midlife-Crisis.

Doch dann präsentiert Nikolaj der Runde eine Idee: Eine ganz spezielle Philosophie, welche besagt, dass der Mensch mit 0,5 Promille Blutalkohol zu wenig auf die Welt gekommen sei. Und wenn er dieses Defizit ausgleichen würde, dann sollte er sich selbstsicherer und lebendiger fühlen. Und so wagen die vier Freunde einen Selbstversuch: Sie trinken jeden Tag, aber immer nur so viel, bis die Grenze von 0,5 Promille erreicht ist. Das Interesse hinter diesem Experiment: Welche Auswirkungen hat dies auf sie selbst, auf ihre sozialen Kontakte und generell auf ihre Leben?

Bildquelle: DER RAUSCH, Weltkino Filmverleih / Henrik Ohsten © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

Der Originaltitel des Films lautet DRUK. Laut Wikipedia würde dies so viel wie „Komasaufen“, und laut dem Online-Wörterbuch von Pons würde dies „Suff“ oder „Sauferei“ bedeuten. „Komasaufen“ passt nur bedingt zu dem Film, geht es doch zunächst viel eher um einen Selbstversuch unter mehr oder minder strengen Auflagen als um eine enthemmte Druckbetankung. „Suff“ oder „Sauferei“ wären schon etwas passendere Begriffe, beschreiben sie doch das im Kern liegende und zuweilen auch gesellschaftlich verankerte Problem mit dem Alkohol. Denn ein „spaßiger Suff“ kann mitunter schnell zu einer regelmäßigen „Sauferei“, und diese regelmäßige „Sauferei“ wiederum zu einer Alkoholsucht führen. Die Grenzen dazwischen sind oftmals fließend. Und dieses Problem wird auch im Film angesprochen. Dennoch trifft es der deutsche Verleihtitel DER RAUSCH wohl am ehesten, beschreibt dieser auf schon fast poetische Art und Weise, dass sich der Film thematisch vorrangig um ein berauschendes (Lebens-)Gefühl dreht.

Und eben jenes berauschende Gefühl scheint sich erstaunlich lange für die Protagonisten positiv auszuzahlen. Der Unterricht geht wieder etwas lockerer von der Hand, im Privaten läuft auch so einiges mehr und das Leben scheint auf einmal wieder Spaß zu machen. Vorbei sind die trüben Tage. Nur hin und wieder kommt für einen kurzen Moment das Gefühl auf, dass das Ganze bald eine dramatische Wendung nehmen könnte. Ist es bewusst platziertes Foreshadowing? Oder liegt es daran, dass aus dramaturgischer Perspektive nach jedem Hoch irgendwann ein tiefer Fall folgen muss? Oder ist es schlicht die Kenntnis darüber, wie sich der Alkohol auf so manche Menschen auswirken kann und dass man vom Kontrollverlust nur ein paar Gläser entfernt ist? Vielleicht ist es eine Mischung aus alledem, wegen der man bei jedem weiteren Schluck nur auf den potenziell drohenden Absturz wartet.

Bildquelle: DER RAUSCH, Weltkino Filmverleih / Henrik Ohsten © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

Und so schwebt der Film für lange Zeit irgendwo zwischen Heiterkeit und Schwermütigkeit, zwischen lustigem Slapstick und realem Drama, zwischen „Was kann da noch kommen?“, und „Was ist aus uns geworden?“ Es ist kein weiter Weg von berauschend zu betäubend. Und hier schafft es Regisseur und Drehbuchautor Thomas Vinterberg perfekt die Balance zu halten, wodurch man DER RAUSCH durchaus als melancholisches Feel-Good-Movie bezeichnen könnte. Einzig der dramatische Höhepunkt des Films wirkt ein wenig zu konstruiert, zu gewollt, fast so, als hätte man von Vornherein den Vorwurf der Verherrlichung auszukontern versucht.

Dies trübt den Gesamteindruck aber kaum, denn abgesehen davon ist DER RAUSCH als voll und ganz gelungen zu bezeichnen. Wohl nicht umsonst hat DER RAUSCH zig Preise einheimsen können, u.a. auch den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Oscarreif ist auch die schauspielerische Darbietung von Mads Mikkelsen, der, ebenso wie die Chemie zwischen den vier Freunden, den gesamten Film trägt.

Somit kann ich jeder Person, die das Kino vermisst, auf den großen Bombast jedoch verzichten kann und stattdessen feinfühliges Erzählkino bevorzugt, DER RAUSCH an die Leber ähm ans Herz legen.

Eine Note von Freiheit, aber bittersüß im Abgang.

OT: DRUK
Start: 22.07.2021
Land & Jahr: DNK, SWE, NLD, 2020
Regie: Thomas Vinterberg
Darsteller:innen: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Lars Ranthe, Magnus Millang u.a.
Vertrieb: Weltkino Filmverleih
Laufzeit: ca. 116 min
Freigabe: FSK 12

Bildquelle: Der Rausch Filmposter / Weltkino Filmverleih




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