THE EMPTY MAN


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EIN BLICK IN DEN ABGRUND.

Es ist das Jahr 1995. Vier junge Freund:innen sind im Gebirge in Bhutan wandern. Allerdings entpuppt sich dieser Ausflug bald als buchstäblicher Trip in die Hölle.

Dieser 22-minütige Prolog hat den Charakter eines überlangen Einstiegs in die neueste Episode einer Serie à la SUPERNATURAL (2005-2020), die nach dem „Monster of the Week“-Schema funktioniert. Wir sehen Figuren, denen etwas Schreckliches widerfährt. Dann setzt das Intro ein und anschließend beginnt die eigentliche Handlung, deren Verbindung mit dem Cold Opener nach und nach enthüllt wird.

Diese Art des Einstiegs wird zwar auch in Filmen gerne genutzt, allerdings erscheint dieser hier doch ungewöhnlich lang geraten zu sein. Nur wird damit auch etwas bewirkt. Regisseur und Drehbuchautor David Prior vermittelt in diesen ersten Minuten nämlich ein Gefühl dafür, welcher Film auf das Publikum noch warten soll. Der völlig misslungene Trailer kündigte ursprünglich ein Jump-Scare-Fest an und tatsächlich sind einige Szenen genauso aufgebaut, als würde die anschwellende Spannung sogleich durch den nächsten Schreckmoment entladen werden. Doch das tut David Prior nicht. Stattdessen nimmt er sich Zeit, um eine düstere, dichte Atmosphäre zu kreieren und den Horror regelrecht zu zelebrieren.

Nach einem Zeit- und Ortswechsel befinden wir uns in Missouri im Jahr 2018. Die junge Amanda (Sasha Frolova) ist verschwunden. Auf dem Spiegel in ihrem Zimmer steht mit Tierblut geschrieben: „THE EMPTY MAN MADE ME DO IT.“ Doch warum ist sie verschwunden und was hat der Empty Man, der eigentlich nicht viel mehr als eine urbane Legende, eine dumme Mutprobe unter Jugendlichen ist, damit zu tun? Amandas Mutter (Marin Ireland) ist verzweifelt, aber die Polizei scheint sich zunächst nicht sonderlich für den Fall zu interessieren. So beginnt James Lasombra (James Badge Dale), ein Freund der Familie und ehemaliger Polizist, auf eigene Faust ein paar Nachforschungen anzustellen.

Viel mehr sollte an dieser Stelle nicht über die Handlung verraten werden. Denn THE EMPTY MAN ist ein Genre-Mix aus Horror- und Kriminalfilm mit Mystery-Einschlag, der wohl dann am besten funktioniert, wenn vorab nicht allzu viel über den vorliegenden Fall bekannt ist.

Bildquelle: THE EMPTY MAN James Lasombra (James Badge Dale) / © 20th Century Studios

VON URBANEN LEGENDEN.

Abgesehen von dem Einstieg, der an Serien wie SUPERTATURAL erinnert, steht der Empty Man auch ganz in der Tradition eines Candyman und das nicht nur aufgrund der recht ähnlich klingenden Namen. Der 1992 erschienene Film CANDYMAN‘S FLUCH (OT: CANDYMAN) basiert auf der Kurzgeschichte THE FORBIDDEN (1985) des Horror-Autors Clive Barker und auch die Ursprünge von THE EMPTY MAN lassen sich in der Literatur wiederfinden. Die Geschichte des Films basiert nämlich auf der gleichnamigen Comicbuch-Reihe (2014) des Autors Cullen Bunn und der Künstlerin Vanesa R. Del Ray.

Aber auch erzählerisch gibt es Parallelen zwischen den beiden Filmen. Sowohl in CANDYMAN‘S FLUCH als auch in THE EMPTY MAN stellt die Hauptfigur Nachforschungen zu einer urbanen Legende an. Diese urbane Legende ist das anscheinend personifizierte Böse, das durch ein bestimmtes Ritual gerufen wird und anschließend seine Opfer heimsucht, um diese grausam zu töten. Und in beiden Fällen ist das, was sich von den angestellten Ermittlungen aus entspinnt, weitreichender als die Protagonist:innen zunächst ahnen und bald schon sehen sie sich mit ihren eigenen Ängsten und dunkelsten Gefühlen konfrontiert.

Dabei machen beide Filme zu Beginn ein Genre auf, dass sie im Grunde aber gar nicht wirklich bedienen. CANDYMAN‘S FLUCH gibt sich zunächst als Slasher und THE EMPTY MAN wirkt anfangs wie ein typischer Jump-Scare-Grusler à la CONJURING. Doch beide Filme entpuppen sich im weiteren Verlauf als atmosphärische, albtraumhafte Mystery-Thriller mit Substanz.

Die hauptsächlichen Unterschiede liegen letztendlich in der thematischen Ausrichtung. Während in CANDYMAN‘S FLUCH Themen wie Rassismus und Gentrifizierung angesprochen werden, steigt THE EMPTY MAN in die Untiefen der menschlichen Psyche hinab.

Bildquelle: THE EMPTY MAN / © 20th Century Studios

EIN DAVID FINCHER IM GEISTE.

In großen Teilen mag THE EMPTY MAN also an CANDYMAN‘S FLUCH erinnern, dennoch trägt der Film stilistisch eine ganz andere Handschrift – nämlich die von David Fincher. Meist ruhige, selten hektische Aufnahmen, interessante visuelle Einfälle und reichlich Zeit. Zeit, um die Figuren vorzustellen. Zeit, um der Geschichte den nötigen Raum zu geben. Zeit, um Atmosphäre zu erzeugen.

Dass der Film an die Handschrift von David Fincher erinnert, kommt nicht von ungefähr. Regisseur und Drehbuchautor David Prior, der mit THE EMPTY MAN ein beeindruckendes Langfilm-Debüt abgibt, war zuvor vor allen Dingen für Behind-the-Scenes-Dokumentationen zuständig und u.a. eben auch für Filme von David Fincher. Es könnte also durchaus sein, dass sich David Prior die Art der visuellen Gestaltung und des Erzählens von Fincher abgeguckt hat. Dieser Stil war bereits in David Priors 40-minütigem Kurzfilm AM1200 zu erkennen, mit dem der Regisseur nicht nur zeigen sollte, welches Talent er besitzt, sondern für den David Fincher dann auch selbst lobende Worte fand:

„In 40 short minutes, David Prior shows why he is one of the most promising directors I’ve ever seen. People always ask me what to do for a ‘calling card’ in Hollywood. Well do something like this, and try to do it half as well.“

Ob er die lobenden Worte aber nur deshalb fand, weil er seinen eigenen Stil darin selbst erkannt hat, bleibt natürlich eine offene Frage.

Bildquelle: THE EMPTY MAN / © 20th Century Studios

BE KIND REWIND.

Das soll allerdings nicht bedeuten, dass David Prior keinen eigenständigen Film geschaffen hätte. Diese Hintergrundinformation soll nur verdeutlichen, mit welcher Akribie und Präzision der Regisseur ans Werk gegangen ist. Jede Handlung, jede Kamerabewegung, jede einzelne Sequenz wirkt durchdacht. Somit zählt THE EMPTY MAN zweifelsohne zu den qualitativ hochwertigsten Horrorfilmen der letzten Jahre, der trotz Überlänge nie langatmig wirkt.

Das einzige Manko des Films scheinen die visuellen Effekte zu sein, denen stets anzusehen ist, dass sie aus dem Rechner stammen, wodurch der Grusel an jenen Stellen dann doch etwas gehemmt wird. Und gewiss stellt auch die Auflösung der Handlung ein Streitpunkt dar, denn man wird mit einigen offenen Fragen zurückgelassen. Allerdings ist das Ende dann doch weit davon entfernt, den gesamten Film noch im Nachhinein zu verderben. Viel eher könnte es sogar dazu einladen, den Film noch ein weiteres Mal etwas aufmerksamer zu schauen und sich wie ein:e Ermittler:in auf Spurensuche zu begeben und auf wichtige Details oder Hinweise zu achten.

Insgesamt ist THE EMPTY MAN ein wahrer Geheimtipp für all jene, die auf generische Jump-Scares verzichten können und die offen für atmosphärische, düstere Horrorfilme sind.

EIN (FAST) PERFEKTER GEHEIMTIPP!

OT: THE EMPTY MAN
VÖ: Bereits erschienen
Land & Jahr: USA, 2020
Regie: David Prior
Darsteller:innen: James Badge Dale, Marin Ireland, Sasha Frolova u.a.
Vertrieb: 20th Century Studios
Laufzeit: ca. 137 min
Freigabe: FSK 16



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