MONTHLY SHORTS No. 13

Am 21. April 2022 startete der neueste Film von Robert Eggers, dem Regisseur von THE VVITCH (2015) und THE LIGHTHOUSE (2019), in den deutschen Kinos. Inzwischen dürfte THE NORTHMAN, wenn überhaupt, zwar nur noch in wenigen Kinos zu sehen sein. Aber für all jene, die das Wikinger-Epos verpasst haben, ergibt sich vielleicht die Gelegenheit, den Film während des Open-Air-Kinosommers nachzuholen. Andernfalls ist eine Veröffentlichung für das Heimkino bereits für Anfang Juli vorgesehen.

Neben THE NORTHMAN werden in dieser Ausgabe von monthly shorts außerdem der spannende Thriller BAD TIMES AT THE EL ROYALE, der Grusel-Film THE HOUSE OF THE DEVIL (eine Besprechung zu Ti Wests aktuellstem Horrorfilm X findet ihr hier) sowie der südkoreanische Action-Thriller DELIVER US FROM EVIL besprochen.


Bild: THE NORTHMAN, © Universal Pictures

THE NORTHMAN

OT: THE NORTHMAN | Land & Jahr: UK, USA 2022 | Regie: Robert Eggers | Darsteller:innen: Alexander Skarsgård, Anya Taylor-Joy, Ethan Hawke u.a. | Freigabe: FSK 16 | Laufzeit: ca. 138 min | Abo (Stand: 31.05.2022): –

Mit diesen Erwartungen ist es immer so eine Sache. Während sie für die einen zur Bürde werden können, führen sie, wenn sie zu hoch angesetzt wurden, bei anderen unweigerlich zur Enttäuschung. Nun hat der Filmemacher Robert Eggers mit THE NORTHMAN dahingehend zwei Dinge bewiesen:

Erstens: Mit seinen ersten beiden Filmen THE VVITCH (2015) und THE LIGHTHOUSE (2019) hat er die Messlatte derart hochgelegt, dass THE NORTHMAN die dadurch entstandene Erwartungshaltung nur unterlaufen konnte.

Und Zweitens: Zwar ist dieser Film bis dato Eggers‘ teuerster Film, aber mehr Budget bedeutet nicht zwangsläufig auch ein besseres Ergebnis.

Doch der Reihe nach. Worum geht es eigentlich in THE NORTHMAN?

Der junge Prinz Amleth (Oscar Novak) muss mit ansehen, wie sein Vater, König Aurvandil (Ethan Hawke), von dessen Bruder Fjölnir (Claes Bang) getötet wird. Amleth kann Fjölnirs Schergen knapp entkommen und schwört, sich eines Tages an ihm zu rächen.

So sind die Jahre ins Land gezogen. Amleth (nun gespielt von Alexander Skarsgård) ist zu einem Mann herangewachsen und inzwischen Teil einer mordenden und brandschatzenden Bande von Berserkern. Nach dem Überfall auf ein Dorf scheint, wie durch eine Fügung des Schicksals, nun endlich Amleths Chance gekommen zu sein, um seinen einstigen Schwur zu erfüllen.

Was sich daraufhin entspinnt, ist eine Rachegeschichte in Reinform. Etwas wenig für knapp 70-90 Millionen US-Dollar und 137 Minuten Laufzeit, könnte man meinen. Und in der Tat wirkt die Story von THE NORTHMAN etwas dünn. Dass es aber durchaus funktionieren kann, wenn sich ein Revenge-Film nur auf das Wesentlichste konzentriert, haben bereits andere Werke wie THE REVENANT (2015, R: Alejandro G. Iñárritu) oder MANDY (2018, R: Panos Cosmatos) bewiesen.

Allerdings scheint das Motiv für die Rache hier kaum über einen mehr als fragwürdigen Ehrbegriff hinauszugehen. Anstatt sich also eingehender der Charakterzeichnung zu widmen und die Motivation der Figur so noch ein wenig nachvollziehbarer zu gestalten, liegt das Hauptaugenmerk von Eggers stattdessen auf dem World Building. Doch so interessant es auch sein mag, mehr über die Bräuche und Riten, die Mythologie und den Glauben aus dieser entworfenen Welt zu erfahren, so essentiell wäre es gewesen, der Hauptfigur einige zusätzliche Facetten zu verleihen.

Gleichzeitig scheint es aber das zugrundeliegende Konzept des Films zu sein, nur das Nötigste zu erklären. Ansonsten verfolgt Eggers weitestgehend das Prinzip Show, don‘t tell, wodurch die Deutung über das Gezeigte dem Publikum oft selbst überlassen bleibt. Der positive Effekt, den diese Art des Erzählens mit sich führt, ist, dass die Welt dadurch ungleich größer und komplexer anmutet. Im Kontrast dazu erscheint alles aber auch etwas abstrakter. Die Figuren und ihre Motive sind kaum greif- bzw. nachvollziehbar, was eine emotionale Verbundenheit verhindert.

An der Visualität von THE NORTHMAN gibt es, abgesehen von einigen wenigen schlechten CGI-Effekten, kaum etwas zu bemängeln. Auch wenn keine überdimensionalen Schlachten bestritten werden, ist das Bild dennoch wie für die große Leinwand geschaffen. Und die wenigen Actionszenen die es gibt, sind außerordentlich gut getimt, choreographiert und stets übersichtlich gefilmt.

Am Ende mag THE NORTHMAN zwar Robert Eggers‘ bisher schwächster Film sein, aber völlig auf Grund gelaufen ist dieses Schlachtschiff keineswegs. Formal nahezu perfekt, lässt das bildgewaltige Werk nur leider an Fallhöhe und emotionalen Tiefgang vermissen.

Bild: THE NORTHMAN Amleth (Alexander Skarsgård) / © Universal Pictures

BEWERTUNG
Letterboxd: 3,5 von 5
Moviepilot: 7 von 10 (Sehenswert)


Bild: BAT TIMES AT THE EL ROYALE, © 20th Century Studios

BAD TIMES AT THE EL ROYALE

OT: BAD TIMES AT THE EL ROYALE | Land & Jahr: USA 2018 | Regie: Drew Goddard | Darsteller:innen: Jeff Bridges, Cynthia Erivo, Jon Hamm u.a. | Freigabe: FSK 16 | Laufzeit: ca. 141 min | Abo (Stand: 31.05.2022): Disney+

Das El Royale Hotel hat seine besten Zeiten längst hinter sich. Der Glanz vergangener Tage blitzt zwar noch hie und da unter all dem angesetzten Staub hervor, aber inzwischen ist das Hotel eher zu einer Absteige für zwielichtige Gestalten verkommen. So ergibt sich auch, dass sich dort eines schicksalshaften Tages die Wege von vier Reisenden kreuzen. Sie alle hat es aus unterschiedlichen Gründen in dieses Hotel verschlagen. Und sie alle haben etwas zu verbergen. Doch auch das Hotel selbst, das El Royale, birgt so manches Geheimnis. Wenn die Wände reden könnten, sie würden schreien…

Drew Goddards BAD TIMES AT THE EL ROYALE ist ein Ensemble-Film, in welchem dem Ensemble erfreulicherweise genügend Wertschätzung zu Teil wird. Das heißt, alle Figuren sind fein ausgearbeitet, vielschichtig geschrieben und sie alle tragen ihren Teil zum Verlauf der Geschichte bei. Doch es bedeutet auch, dass der Film weniger Plot Driven ist, sondern viel eher Character Driven. Einige mögen daher vielleicht mokieren, dass sich Drehbuchautor und Regisseur Drew Goddard zu viel Zeit nehme, um die Handlung voranzubringen und dass der Film ohnehin viel zu lang geraten sei. Und diese Kritik hat durchaus ihre Berechtigung. Wer sich jedoch auf die Figuren einlassen und von dem hervorragenden Schauspiel in den Bann ziehen lassen kann, wird sich wohl kaum daran stören. Für mich jedenfalls vergingen die knapp zweieinhalb Stunden wie im Fluge.

Ganz nebenbei sieht der Film auch noch fantastisch aus und der Soundtrack passt wie die Faust auf‘s, ähm, Ohr. Ein besseres Händchen für die geeignete Filmmusik beweisen möglicherweise nur noch Edgar Wright oder Quentin Tarantino.

Wodurch sich der Thriller zudem noch auszeichnet, ist das World Building. Jeder einzelnen Figur sowie dem El Royale Hotel selbst wurde eine eigene Backstory spendiert. Zwar spielt sich der Großteil der Handlung an einem Ort ab, aber durch clever geschriebene Dialoge, eingestreute Hinweise und gut platzierte Rückblenden wirkt die Welt schnell größer und lebendiger. Auch die aufgemachten Geheimnisse tragen nicht unerheblich zu diesem Gefühl bei.

Leider jedoch verfolgt Goddard die Strategie, nicht jedes einzelne dieser Geheimnisse genauer zu durchleuchten. Dadurch wird zwar der Anschein von Vielschichtigkeit gewahrt und das Geschehen bleibt bis zum Ende hin mysteriös. Aber einige offene Fragen bleiben ungeklärt, wodurch Teile des Publikums gegebenenfalls etwas unzufrieden zurückgelassen werden könnten.

Wer jedoch nach dem Abspann das eigene Kopfkino bedient, nicht alles bis ins kleinste Detail erläutert bekommen muss und sich außerdem von der langen Laufzeit nicht abschrecken lässt, wird mit einer gut konstruierten Story, einem wunderbar aufgelegten Cast und einem durchweg spannenden Thriller belohnt.

Bild: BAT TIMES AT THE EL ROYALE Seymour Sullivan (Jon Hamm, l.), Father Daniel Flynn (Jeff Bridges, m.), Darlene Sweet (Cynthia Erivo, r.) / © 20th Century Studios

BEWERTUNG
Letterboxd: 4 von 5
Moviepilot: 8 von 10 (Ausgezeichnet)


Bild: THE HOUSE OF THE DEVIL, © Alive AG

THE HOUSE OF THE DEVIL

OT: THE HOUSE OF THE DEVIL | Land & Jahr: USA 2009 | Regie: Ti West | Darsteller:innen: Jocelin Donahue, Tom Noonan, Mary Woronov u.a. | Freigabe: FSK 16 | Laufzeit: ca. 95 min | Abo (Stand: 31.05.2022): –

Irgendwann in den 1980ern, irgendwo in irgendeinem amerikanischen Städtchen. Die College-Studentin Samantha „Sam“ Hughes (Jocelin Donahue) möchte aus ihrer kleinen, miefigen Studierendenbude raus und hat sich dafür eine eigene, wenn auch kleine Wohnung geangelt. Um sich die Miete allerdings leisten zu können, braucht sie dringend einen neuen Job. Am schwarzen Brett vor dem Campus ihres Colleges entdeckt sie eine Stellenanzeige mit der Aufschrift: „BABY $ITTER NEEDED“. Schnell hat sie den Job. Doch nicht nur ist das Haus weit abgelegen, auch das ältere Ehepaar hinterlässt einen merkwürdigen Eindruck. Zudem stellt sich heraus, dass die Bedingungen andere sind, als zunächst vereinbart. Die 400 Dollar möchte sich Sam aber auch nicht entgehen lassen und so nimmt sie den Job trotz Bedenken an. Doch schon bald beschleicht sie der Verdacht, dass sie womöglich einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben könnte.

Auch wenn im Vorlauf des Films durch eine Texteinblendung bescheinigt werden soll, dass die Geschichte des Films auf ungeklärten Ereignissen basieren würde, so ist doch davon auszugehen, dass ein Großteil der Handlung vielmehr der Fantasie des Drehbuchautors und Regisseurs Ti West entsprungen sein dürfte. Ungeachtet dessen inszenierte dieser mit dem 2009 erschienen THE HOUSE OF THE DEVIL eine atmosphärische Schauergeschichte.

Dabei ist der Film ein waschechter Slow-Burner. Ruhige Bilder, lange Kamerafahrten, ein gedrosseltes Erzähltempo – Ti West nimmt sich mehr als genügend Zeit, um in die Handlung einzusteigen und seine Hauptprotagonistin Sam näher vorzustellen. Spannung will dadurch jedoch für einige Zeit nicht so recht aufkommen. Viel eher wirkt es so, als verliere sich der Film immer wieder in Nebensächlichkeiten und kleinen Details. Im Kontrast dazu lernen wir allerdings Sam besser kennen. Wir können uns in aller Ruhe mit ihr emotional verbinden, um anschließend mit ihr gemeinsam das titelgebende ‚Haus des Teufels‘ zu erkunden.

Erst später steigt die Spannungskurve etwas an und auf der akustischen Ebene wird das Gefühl der Beklemmung durch den wirklich sehr guten Soundtrack noch zusätzlich weiter verstärkt. Leider bleibt am Ende aber auch das Gefühl, dass, wenn der Film einmal Fahrt aufgenommen hat, der unheimliche Part sogleich wieder vorbei ist.

Womit hingegen nicht gegeizt wird, ist die bereits angesprochene Detailverliebtheit. Das Kostümbild, das Styling der Figuren, die Auswahl und Herrichtung der Schauplätze sowie natürlich das Bild. So wurde der 80s-Look nicht etwa erst nachträglich digital hinzugefügt, sondern es wurde tatsächlich auf 16mm-Film gedreht. Dem Retro-Charme damit aber noch nicht genug, ist der Film – zumindest in den USA – nicht nur auf DVD, sondern auch in einer limitierten VHS-Edition erschienen.

Mit THE HOUSE OF THE DEVIL verneigt sich Ti West vor den Horrorfilmen der 70er und 80er Jahre wie etwa THE TEXAS CHAIN SAW MASSACRE (1974, R: Tobe Hooper), HALLOWEEN (1978, R. John Carpenter) oder A NIGHTMARE ON ELM STREET (1984, R: Wes Craven), um nur einige Beispiele zu nennen. Auch diese Filme kommen mit einem teilweise eher flachen Spannungsbogen daher, haben Dialoge die zuweilen etwas ‚cheesy‘ sind und besitzen dabei trotz alledem dieses gewisse, nur schwer greifbare und kaum zu beschreibende Etwas. THE HOUSE OF THE DEVIL ist gewiss kein Streifen, der allen Horrorfilmfans gleichermaßen einen Schauer über den Rücken jagen dürfte. Aber er ist eine liebevolle Hommage an Horrorklassiker, vor denen er sich so tief verbeugt.

Bild: THE HOUSE OF THE DEVIL Sam (Jocelin Donahue) / © Alive AG

BEWERTUNG
Letterboxd: 3 von 5
Moviepilot: 6,5 von 10 (Ganz gut)


Bild: DELIVER US FROM EVIL, © Splendid Film

DELIVER US FROM EVIL

OT: DELIVER US FROM EVIL | Land & Jahr: KOR 2020 | Regie: Won-Chan Hong | Darsteller:innen: Hwang Jung-min, Lee Jung-jae u.a. | Freigabe: FSK 18 | Laufzeit: ca. 108 min | Abo (Stand: 31.05.2022): –

Ein Profi-Killer der sich in den Ruhestand verabschieden möchte sowie ein allerletzter Job, der weitreichende Folgen nach sich zieht und bald gar zu einer ganz persönlichen Angelegenheit wird. So vertraut diese Prämisse klingt, so vorhersehbar ist auch der Rest des Films. Am Ende ist DELIVER US FROM EVIL ein solide inszenierter Action-Thriller, der Dank des starken Schauspiels des Hauptdarstellers Hwang Jung-min sowie einiger eingestreuter gesellschaftskritischer Kommentare etwas über dem Durchschnitt anzusiedeln ist.

Bild: DELIVER US FROM EVIL Kim In-nam (Hwang Jung-min) / © Splendid Film

BEWERTUNG
Letterboxd: 3 von 5
Moviepilot: 6 von 10 (Ganz gut)



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