X


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PORN MEETS HORROR

Was haben der Porno und der Horrorfilm gemeinsam? Mal abgesehen davon, dass diese Frage nach einer Einleitung zu einem eher mittelmäßig schlechten Party-Gag klingt, haben der Porno und der Horrorfilm in der Tat einiges gemeinsam. So wird beispielsweise über beide Genres nach wie vor oftmals abfällig geredet. Sie haben etwas „schmuddeliges“, „verruchtes“, ja, manchmal sogar etwas „verbotenes“ an sich. Während ein Großteil unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft wohl eher kaum freiwillig zugeben würde, Pornos zu konsumieren, scheint es auf der anderen Seite ebenso zum guten Ton zu gehören, dem Horrorfilm seine Qualitäten abzusprechen. Nicht selten habe ich den Satz gehört: „Für einen Horrorfilm war das irgendwie schon ganz gut“, was stets so klingt, als würde die Messlatte für einen „guten Horrorfilm“ niedriger hängen, als beispielsweise bei einem „guten Drama“.

Tatsächlich gibt es aber auch real existierende Probleme, mit denen sich sowohl der Porno als auch der Horrorfilm konfrontieren lassen müssen. So fand – und findet oftmals auch heute noch – in beiden Genres eine Objektifizierung der Frau und damit eine Zurschaustellung des weiblichen Körpers für den männlichen Blick statt. Denn, und auch das muss man sagen, das Publikum ist in beiden Fällen nach wie vor größtenteils männlich. Wobei nicht von der Hand zu weisen ist, dass sich seit geraumer Zeit Frauen in dem Genre zunehmend emanzipieren, auch wenn dahingehend nach wie vor noch Luft nach oben ist.

Nun hat aber ausgerechnet ein männlicher Filmemacher einen Horrorfilm über das Drehen eines Pornos realisiert. Da stellt sich sogleich die Frage: Kann das funktionieren? Die überraschende Antwort darauf lautet: Ja, kann es. Ti Wests X ist nicht nur ein Paradebeispiel dafür, wie man einen guten Horrorfilm macht, sondern auch dafür, wie „Mann“ Nacktheit im Film darstellen kann, ohne dabei ausschließlich das männliche Auge zu stimulieren.

Bild: X Bobby-Lynne (Brittany Snow, l.), RJ (Owen Campbell, m.), Lorraine (Jenna Ortega, r.) / © Christopher Moss, Capelight Pictures

ZEITREISE IN DIE VERGANGENHEIT

Es ist das Jahr 1979. Eine Gruppe junger, attraktiver Leute will einen Pornofilm drehen und den boomenden Videothekenmarkt erobern. Die kleine Gruppe besteht aus dem ambitionierten Kameramann und Filmnerd RJ (Owen Campbell) und dessen schüchterne Freundin Lorraine (Jenna Ortega), die sich um das Equipment und den Ton kümmert. Außerdem mit dabei sind die selbstgefällige Darstellerin Bobby-Lynne (Brittany Snow) und der männliche Hauptdarsteller des Sexstreifens, Jackson (Scott Mescudi a.k.a. Kid Cudi), sowie zu guter Letzt der Producer und Kopf des Ganzen, Wayne (Martin Henderson), nebst dessen Freundin Maxine (Mia Goth), dem nächsten Sternchen am Pornohimmel mit dem gewissen „X-Factor“. Der Titel des geplanten Porno-Hits lautet: „The Farmer‘s Daughters“.

Als Drehort wurde eine Hütte auf einer abgelegenen Farm auserkoren. Zwar bekommt Wayne von dem mürrischen Gutsbesitzer zur Begrüßung erst einmal eine Schrotflinte unter die Nase gehalten, aber nachdem alle Unklarheiten beseitigt sind, kann die Gruppe die Hütte beziehen und direkt mit dem ersten Take beginnen. Doch schon bald wird der feuchtfröhliche Drehspaß zu einem blutigen Albtraum.

Bild: X v.l.n.r. RJ (Owen Campbell), Bobby-Lynne (Brittany Snow), Maxine (Mia Goth), Jackson (Scott Mescudi), Lorraine (Jenna Ortega) / © Christopher Moss, Capelight Pictures

EIN BISSCHEN SEX, EIN WENIG PSYCHO-HORROR UND GANZ VIEL SPLATTER-FUN

Um eines gleich vorweg zu nehmen: Natürlich ist X kein Porno. Viel eher ist X ein Film über das Drehen eines Pornos. Hier gibt es zwar etwas nackte Haut und dort ein wenig Sex zu sehen, aber auf besonders explizite Szenen wurde an dieser Stelle verzichtet. Spannend ist jedoch, wie Nacktheit von der Kamera eingefangen wird. Anstatt, wie in so manch anderem Horrorfilm üblich, die Reize des weiblichen Körpers besonders hervorzuheben und zur Schau zu stellen, scheint es hier fast schon eine Art Gleichberechtigung zwischen weiblicher und männlicher Nacktheit zu geben. In gewisser Weise spiegelt sich dies auch in dem Pornofilm im Film wider, haben doch alle beteiligten Darsteller:innen, egal ob männlich oder weiblich, eine Entscheidungsgewalt darüber, was als nächstes geschehen soll. Selbst heutzutage mutet das noch recht progressiv an.

Diskutieren ließe sich jedoch über den Moment, als das „Mauerblümchen“ Lorraine plötzlich den Entschluss fasst, ebenfalls als Darstellerin im Film mitzuwirken. Selbstverständlich ist es ihr gutes Recht, über ihren eigenen Körper und ihre Sexualität zu bestimmen. Allerdings scheint Lorraines Entscheidung nicht den ursprünglichen Prinzipien ihrer Beziehung mit RJ zu entsprechen, welcher daraufhin sichtlich verletzt ist. Eine wirkliche Kommunikation zwischen den beiden Charakteren findet diesbezüglich jedoch nicht statt. Und am Ende ist es RJ, der dazu angehalten wird, den Akt mit der Kamera festzuhalten.

Nebenher wird aber auch die Begierde älterer Menschen thematisiert, was auf der großen Leinwand auffallend selten geschieht. Die Frau des Farmers beobachtet die junge Gruppe heimlich bei ihrem Treiben, wodurch ihr eigenes Verlangen ebenfalls wieder zu erwachen scheint. Ihr Ehemann ist aber offenbar nicht dazu in der Lage ihr den Wunsch nach Körperlichkeit zu erfüllen. Das Herz will, was das Herz will. Aber das Herz des Farmers schlägt offenbar nicht mehr ganz so kräftig, wie noch in jüngeren Tagen. Unerwarteterweise entstehen dadurch seltsam gefühlvolle Momente, obwohl es eigentlich gerade diese aufkeimende sexuelle Lust der alten Frau ist, welche dafür genutzt wird, um ein Gefühl von Beklemmung und Unbehagen zu erzeugen.

Somit hat X, gerade in der ersten Hälfte, leichte Psycho-Horror-Anleihen. Zumindest solange, bis sich die aufgebaute Spannung in einem wahren Splatterfest entlädt. Was im Porno der Akt der Lust ist, durch welchen die eigentliche Handlung immer wieder unterbrochen wird, sind in X die teils extremen Gewaltausbrüche. So hangelt sich der Film von einem brutalen Mord zum nächsten, während das Blut spritzt, als gäbe es kein Morgen.

Bild: X Lorraine (Jenna Ortega) / © Christopher Moss, Capelight Pictures

RETRO MIT CHARME

In vielen neueren Horrorfilmen wird in Sachen Gore und Splatter immer wieder auf billig aussehende Computereffekte zurückgegriffen. Doch in den 70er Jahren mussten sich die Filmemacher:innen noch mit praktischen Effekten behelfen. Umso erfreulicher ist es, dass auch in X sämtliche Effekte praktischer Natur sind und nicht aus dem Rechner stammen.

Generell sieht der Film aber wirklich verdammt gut aus. Kameramann Eliot Rockett, der unter anderem bereits THE HOUSE OF THE DEVIL (2009) oder THE INNKEEPERS (2011) für Ti West bebildert hat, weiß auch hier wieder die Szenen wundervoll einzufangen. Das Bild ist körnig, wirkt dadurch retro und erinnert somit an Slasher-Filme aus den 70er und 80er Jahren.

Insgesamt zeichnet sich X durch eine ausgesprochene Liebe zum Detail aus. Die Settings, die Requisiten, die Kostüme und Frisuren: Alles wirkt fein säuberlich auf die damalige Zeit abgestimmt und hier und da gibt es sogar die eine oder andere, mal mehr und mal minder offensichtliche Anspielung an Horrorklassiker à la THE TEXAS CHAIN SAW MASSACRE (R: Tobe Hooper, 1974) oder PSYCHO (R: Alfred Hitchcock, 1960) zu entdecken.

Bild: X Maxine (Mia Goth) / © Christopher Moss, Capelight Pictures

STYLE OVER SUBSTANCE?

Das ist zwar alles durchaus charmant. Allerdings wirkt X so, als wäre er kaum mehr als der x-te (Retro-)Slasher. Aber gibt es auch so etwas wie Substanz? Es bedarf schon eines etwas genaueren Blickes, um hier so etwas wie Subtext zu erkennen. Hie und da werden Andeutungen gemacht, dass sich hinter alldem eine noch viel größere Story verbergen könnte. Und die Tatsache, dass ein Prequel bereits abgedreht ist, ein Sequel schon erdacht wurde und darüber hinaus noch weitere Filme in diesem Universum möglich sind, verstärkt diesen Eindruck noch zusehends.

Bis diese Filme jedoch erscheinen, insofern sie denn tatsächlich erscheinen sollten, muss X aber erst einmal für sich alleine stehen. Und zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich sagen, dass dieser Film ein stylischer und fantastisch aussehender, authentischer, hervorragend besetzter und gespielter, absolut blutiger und manchmal verstörender sexy Arthouse-Slasher mit B-Movie-Charme ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

WHAT A BLOODY HELL OF A MOVIE!

OT: X
VÖ: 19.05.2022 (Kinostart)
Land & Jahr: USA, 2022
Regie: Ti West
Darsteller:innen: Mia Goth, Brittany Snow, Martin Henderson, Jenna Ortega u.a.
Vertrieb: Capelight Pictures
Laufzeit: ca. 106 min
Freigabe: FSK 16


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